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Klar verkaufst du bei Auftritten auch weiterhin deine CDs, alles gut.

Aber was machst du jetzt mit deiner Musik im Internet?

Wie kannst du erhobenen Hauptes deine Kreationen im Web präsentieren und am Ende verkaufen? Du fragst dich: „Soll ich die zum Gratis-Streamen, Gratis-Download und Gratis-Teilen auf SoundCloud stellen, „Jagd und Hund“ abonnieren und das beste hoffen?“

Jetzt gibt es schlaue Leute, die sagen, das wäre in der Musiklandschaft des Digitalen Zeitalters nicht die schlechteste Idee. Obwohl, wenn ich ehrlich bin ist dort nirgends die Rede von einem Zeitungsabo…

Was mich betrifft, so muss ich gestehen, dass ich, als (wenn auch lernwilliges) Kind der analogen 1960er und 1970er Jahre, ein Problem mit der Vorstellung habe, meine gesamte Musik einfach zu verschenken und „Kamelle für alle“ brüllend vom Karnevalswagen in die Menge zu (ver)schleudern.

Wenn es dir ähnlich geht: Willkommen im Club. Denn wahrlich, ich sage dir: Auch wenn nur geringfügige Einnahmen durch ihren Verkauf zu erwarten sind und du auf die finanziell zum Glück nicht angewiesen bist (siehe Teil 1 und Teil 2):

Deine Musik hat einen Wert (an sich und vor allem natürlich für dich).

Selbstrespekt, you know

Geld ist ein Ausdruck von Geben und Nehmen.

Wenn nun der eine immer nur gibt und der andere immer nur nimmt, hm, nennst du das eine gesunde Beziehung? Kann das auf Dauer gut gehen? Mir scheint das eher ein dringender Fall für den Paartherapeuten.

Und auf keinen Fall die Beziehung der Wahl zwischen deinem Publikum und dir.

Interessant finde ich allerdings folgende Gedanken von Andrew Dubber hierzu, die er schon 2009 in dem eBook Die 20 Punkte über Musik im Web, die Du wissen musst (in der Übersetzung von Wolfgang Senges) zusammengefasst hat. Demnach lässt sich das grundlegende Prinzip zum Verkauf von Musik auf die Formel bringen:

Hören > Mögen > Kaufen

Dies ist die einzige Reihenfolge, die funktionieren kann.

 

 

 

Er sagt weiter:

  • Niemand möchte im Grunde ein ihm unbekanntes Musikstück kaufen, vor allem dann nicht, wenn er es vorher nicht gehört hat und schon gleich 3 Mal nicht, wenn es von einem ihm unbekannten Interpreten stammt.
  • 30-Sekunden-Schnipsel zum Vorhören: Verschwendung. Nur der vollständige Song und seine Dramaturgie können den Hörer/Konsumenten emotional an die Musik binden.
  • Im Digitalen Zeitalter kannst Du 1 Million Kopien deiner Platte umsonst verteilen, um 1.000 zu verkaufen.
  • Lass sie die Musik hören, behalten und mit ihr leben. Und anschließend holst Du sie als Fans zurück, denn

In Bezug auf Medienkonsum ist Musik ziemlich einzigartig. Man kauft sich kein Kinoticket, weil man den Film so gut gefunden hat. (…) Aber Musik ist anders – und das Radio belegt das. Die bei weitem verlässlichste Methode, Musik zu bewerben ist, sie Menschen zu Gehör zu bringen. Wenn möglich, wiederholt – und umsonst. Hat man Glück, wird ihnen die Musik nach einer Zeit vertraut, und sie beginnen sie zu lieben. Früher oder später werden sie sie besitzen wollen. (…)

Es ist sinnlos zu hoffen, dass Menschen Musik erst kaufen, dann hören und dann mögen würden.

(Hier sind alle 20 Punkte im Überblick.)

Bis vor kurzem, so lange das „Kaufen“ in der Gleichung oben für „Bezahlten Download“ stand (die 20 Punkte… sind, wie gesagt, von 2009), mochte das so funktionieren.

Sobald du dort aber „Streamen“ einsetzt, haben wir den ⅓-Cent-pro-Klick-Salat (s. 1. Teil): Es werden keine nennenswerten Einnahmen für uns Musiker generiert.

Als Musikkonsumenten reicht es uns eben, den neuen Lieblingssong bei Spotify zu „mieten“. Als Favorit markiert, begleitet er fortan in diversen Playlists unser Leben aufs Trefflichste, do feit si nix (wie ich als bajuwarisierter Hanseat anmerken möchte). Wie viele Leute gibt es, die unter diesen Umständen das Lied unbedingt auch noch „besitzen“ müssen und zusätzlich CD oder Download erwerben? Ich bin jedenfalls keiner von ihnen.

Böses, böses Streaming

Böses Streaming? Quatsch, fantastische Möglichkeiten! Das macht das Streaming ja gerade so sexy und die entsprechenden Dienste so erfolgreich!

Nicht die Technologie ist schuld an der Misere, sondern die Vergütungs- oder besser Nicht-Vergütungsmodelle von Spotify, YouTube und Co.

Und das ausgerechnet für diejenigen, deren Kreativität die Basis ihrer Geschäftsmodelle ist, das ist schon von einer besonderen Perfidie.

Diese Fragen stehen im Raum:

  • Warum sperrt ausschließlich die GEMA Videos von Titeln durch sie vertretener Künstler, wenn YouTube sich weigert, Künstler überhaupt angemessen zu vergüten?
  • Wieso wenden sich nicht alle Urheber von Unternehmen mit solchen Geschäftsmodellen ab, sondern laden weiterhin fröhlich hoch?
  • Weshalb also spielen so viele Musiker das Spiel ihrer Ausbeutung bereitwillig mit (stell dir vor, wie ich hier sitze: Eine Hand auf der Tastatur, die andere an der eigenen Nase…)?

Der Grund ist, dass die dubber´sche Formel Hören > Mögen > Kaufen ja auch in Zeiten von Streaming noch zu ⅔ stimmt!

Es hoffen eben alle auf millionenfaches Gehört- und Gemocht-Werden, wenn sie ihr Herzblut einem einschlägigen Streamingdienst oder Videoportal anvertrauen.

Angesichts der Entwicklung weg vom Download, hin zum Streaming müsste aber das letzte Drittel der Formel, der Punkt „Kaufen“, dringend mit neuem Leben gefüllt werden.

Das Einfachste wäre natürlich, jemand käme in einem Anflug von Genie auf die zugegebenermaßen auf den ersten Blick grotesk anmutende Idee, den Künstlern etwas als Bezahlung anzubieten, das sie nicht beleidigt.

Eine Frage der Ehre

Für den „einfachen Musiker von nebenan“ ist es momentan jedenfalls mehr eine Frage der Ehre und einer vermeintlich positiven Außenwirkung, wenn seine Alben – schick, schick! – auch auf „Spotifääh“ zu finden sind.

Finanziell ist das völlig uninteressant.

Vielleicht gehört es aber auch bald zum guten Ton und erntet ein anerkennendes Kopfnicken, wenn du dich entscheidest, lieber nach anderen Möglichkeiten zur Veröffentlichung deiner Musik im Web zu suchen.

Einen wie ich finde interessanten, einige Einsichten Andrew Dubbers einbeziehenden, Ansatz bietet z. B. bandcamp (kein Affiliate-Link! = ich krieg keine Kohle, wenn du da drauf klickst):

  • Keine Vorhör-Schnipsel: Es kann der komplette Song gratis gestreamt werden, jedoch ausschließlich von der bandcamp-Page.
  • Player und Komfort dort sind absichtlich stark eingeschränkt: Es gibt keinen Volumen-Regler, keine Playlists etc.
  • Richtig smart wird es nämlich erst, wenn du kaufst, also bei den Songs, die dich durchs Leben begleiten sollen. Es gibt auch eine bandcamp-App für´s Smartphone, mit der sich ausschließlich gekaufte Titel komfortabel abspielen und verwalten lassen. Oder du ziehst sie dir einfach in den Player deiner Wahl.
  • Du als Künstler entscheidet über den Preis eines Titels bzw. eines kompletten Albums (bei 15% Provision für bandcamp). Der kann auch bei „0,00 € or more“ liegen. Es ist also auch möglich, Musik gratis anzubieten, wenn du das möchtest.
  • Gefällt ein Track oder ein Künstler besonders gut, kann man ihn unterstützen, in dem man mehr zahlt als vorgeschlagen. Man kann also spenden. Hab ich woanders schon gemacht, fühlt sich gut an, nur der Heiligenschein beginnt bei Regen unter der Kapuze etwas zu drücken 🙂

Insgesamt ein Ansatz, der die Integrität des Musiker nicht ankratzt, oder habe ich was übersehen?

Fazit

Oh yeah, ist alles noch ein bisschen wie damals am Klondike (die Älteren werden sich gemeinsam mit mir erinnern…):

Goldgräberstimmung!

Die Musiklandschaft verändert sich und wird sich – genau wie eh und je – verändern.

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Der Fakt an sich ist nichts Besonderes, höchstens das Tempo, in dem sich die Veränderung vollzieht.

Streaming ist da und wird es bleiben. Die Möglichkeiten sind großartig, jedoch sind viele der alten und neuen Geschäftsmodelle für uns Musiker grottig. Wir müssen Dinge tun, die das ändern.

Grundlegend ist zunächst, bei dir persönlich anzufangen und dein Leben so einzurichten, dass du nicht finanziell erpressbar bist.

Das ist der erste Schritt zu einem Portfolio aus Tätigkeiten und Einnahmequellen, mit denen du deinem inneren Künstler mit Respekt und Hochachtung begegnest, so wie er es verdient, … anstatt ihm auf den Füßen herumzutrampeln.

Manchmal müssen wir die Musik unterstützen, bis sie uns unterstützen kann.

Sheila Jordan

Spotify hin, Doordeals her: Musiker werden nicht aussterben – wenn sie auch gut beraten sind, ihr Geschäftsmodell und den darauf abgestimmten Lebensentwurf zu überdenken und neuen Realitäten anzupassen. Denn

Kreativität ist eine unzerstörbare Naturgewalt.

Und wie alle Naturgewalten ist sie Fluch und Segen zugleich. In gewisser Weise auch wie eine Droge, und wenn du auf dem Trip bist, zählt wenig anderes. Zeit und Raum schon mal sowieso nicht, Flüssigkeitszu- und -abfuhr werden gerne mindestens so lange aufgeschoben, bis es fast zu spät ist… Bei und nach der „Arbeit“, die dir aber nicht wie Arbeit vorkommt, schwebst du auf Wolke 7, weil:

„Deine“ Musik zu machen ist einfach das Größte und so verdammt erfüllend! Hab ich Recht?

Eben.

Währenddessen fällt es glücklicherweise leicht, den Ruf des Geldes zu überhören.

Oder den zum Abendessen. Musikerfrauen können das bestätigen. Ich muss los…

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