Ich hab keinen Bock mehr

Überhaupt und auf Musik.

Statt dessen möchte ich der Welt viel lieber den (immerhin frisch gewaschenen) Mittelfinger zeigen.

Als einzig angemessene Reaktion auf das aktuelle Angebot hier auf dieser ollen, verbeulten Kugel. Die auf ’ner doofen Ellipse um die Sonne eiert. Nicht mal’n Kreis kriegt die hin mit ihrer nichtswürdigen „Krone der Schöpfung“ drauf.

Jener Landplage, die einem den ganzen Elfenbeinturm versaut und einfach nur nervt. Aber so was von.

Vielleicht hast du Lust, ein wenig mit zu verzweifeln. Hier sind ein paar Dinge von meiner persönlichen…

Weltschmerz-Shortlist

• Ich habe lange widerstanden, aber mittlerweile ertrage ich das Bild von vermummten, schwarze Fahnen und Waffen schwingenden Typen auf überladenen Toyota Pick-Ups nicht mehr, meistens Mehr-Türer… äh, sorry, Märtyrer natürlich.

• Ich möchte nicht bei der Rückfahrt vom Wochenend-Ausflug per Radio-Durchsage dazu aufgefordert werden, „von der Autobahn abzufahren, um Einsatzfahrzeugen ungehinderte Anfahrt nach München zu gewähren“. Weil nämlich vermutet wird, dass ein paar der Jungs vom Pick- Up der Ansicht sind, dass jetzt mal München dran ist.

Aber halt, so ein Glück, denn am Ende ist´s doch nur ein armer Irrer, der im McDonald’s wahllos Menschen hinrichtet, und nicht der IS, uff! (Hoffentlich hast du gerade beim Lesen genau hin geschaut und es nicht verpasst, es kommt nur ganz, ganz selten, höchstens alle paar Jahre einmal vor: Volker, zynisch.)

• Ist es nicht ein Indiz für den Zustand dieser Welt, wenn ein anderer, ebenfalls skrupelloser, nicht ganz so armer Irrer mit Hilfe von Milliarden gebunkerter Dollars, einem objektiv scheiße sitzenden Billig-Toupet und chauvinistischen Dummdreist-Sprüchen aus der Zeit vor Erfindung des aufrechten Gangs U.S.-Präsident wird (nur hier, nur für dich und nur für kurze Zeit: Volker, pessimistisch).

• Ich könnte auch jederzeit darauf verzichten, beim Sylvester-Gig auf dem Tollwood-Festival in München (wie 2015 geschehen) per SMS darüber informiert zu werden, dass der sich ganz in der Nähe befindende Hauptbahnhof wegen einer Bombendrohung evakuiert wurde und man sich am besten nicht außerhalb einer Wohnung oder an öffentlichen Plätzen aufhalten sollte.

Denn der Hobby-Dschihadist in mir kann nicht anders und überlegt blitzschnell: Wohin ausweichen, wenn es am ursprünglichen Anschlagsziel nur so vor Polizisten, SEK und Schäferhunden mit Mundgeruch (überwiegend die Hunde) wimmelt?

„Hm, woll´n mal sehen… es müsste etwas ganz in der Nähe sein, wo gerade viele, viele Menschen versammelt sind… – Ah, da haben wir ja schon genau das Richtige…“

Und was wird uns dazu passend vom Spätkapitalismus in seiner finalen Phase auf dem

Laufsteg zum Schafott

präsentiert? Eine modische Kluft, in den Farben der Saison: Schwarz, Braun und Haselnuss.

Nämlich jene zwischen Arm und Reich, mit auseinander-klaffender sozialer Schere meisterhaft geschneidert aus prekären Arbeitsverhältnissen und dem Jahresgehalt von Jogi Löw.

Wundert sich eigentlich noch jemand über den rigiden Rechts-Ruck, der durch die Völker Europas geht?

Frankreich, Österreich, Ungarn, unser geliebtes ´Schland, die Niederlande… (England ist ja seit Neuestem nicht mehr Europa, sondern nur noch ganz es selbst…):

Überall Angst vorm schwarzen (Pick-Up-Fahnen-) Mann… Uhhh.

Die Horror-Nachrichten prasseln ja auch auf sämtlichen Kanälen omnipräsent auf uns ein.

Testen wir mal, wie weit sie bei dir schon angeschlagen haben:

Ein arabisch aussehender Mann spaziert mit einem kleinen Jungen an der Hand über den Marienplatz in München. Beide tragen einen Rucksack.

Dein erster Reflex?

  • „Sozialschmarotzer“
  • „Selbstmordattentäter, jetzt rekrutieren sie schon Kinder“
  • „Der hat den Kleinen gerade aus der Wohnung seiner geschiedenen, von ihm jahrelang misshandelten deutschen Frau entführt, ein paar Klamotten in die Rucksäcke gestopft und jetzt bringt er ihn ins IS-Ausbildungs-Lager nach Syrien“

Oder einfach: „Vater und Sohn“.

Künstler sind ja irgendwie wahnsinnig sensibel und mir geht gerade wahnsinnig viel wahnsinnig auf den S… …enkel. Ähem.

Und das strahlt aus: Ich fühle mich zum Beispiel hier und heute, im August 2016, da ich dies schreibe, absolut außerstande, irgend jemandem zu erklären, warum g – ais keine kleine Terz ist, obwohl es auf den Tasten genau so aussieht wie eine kleine Terz.

Und wozu man das überhaupt braucht.

Und als wenn das nicht genug wäre, kommen mir Gedanken wie: „…und ist das am Tag des Jüngsten Gerichts vielleicht sogar – oh nein, bitte alles, nur das nicht, ich bin doch Dozent! – : egal?!?“

Das ist der wahre Horror.

Aber es kommt noch schlimmer, denn außerdem mag ich nicht mehr

  • Klavier spielen
  • komponieren
  • kreativ sein
  • mithalten
  • Projekte durchziehen
  • CDs machen
  • proben
  • telefonieren
  • Konzert-Akquise betreiben
  • im Stau stehen
  • rechtzeitig zum Soundcheck da sein
  • gute Laune haben
  • vorbereitet sein
  • an Konzepten basteln
  • organisiert sein
  • alles gleich in den Terminkalender eintragen
  • mit den Wölfen heulen

Das ist mir alles zu viel. Null Energie, ZERO LIVES LEFT.

Volker, Volker, was hast du dich verändert… Gerade warst du doch noch Musiker und irgendwie ganz nett.

Wie kann das sein?

Multiple Persönlichkeit? Depression? Ziegenpeter im Endstadium?

Nein, alles nicht. Ich sag’s dir:

Ich habe Urlaub

Und ich brauche ihn, oh ja, ich brauche ihn wirklich.

Also Familie, Klamotten, Stage Piano (weil: Sohn kommt in die 11. Klasse und will für´s Musik-Additum üben – dem darf man nicht im Wege stehen) in den Prius geschichtet (schon wieder Toyota – ich schwöre, ich hab keinen Werbe-Deal) und ab Richtung Schweden.

Begonnen hat der Trip dann genau so, wie man sich einen total entspannten Urlaubsbeginn halt so vorstellt, ganz klassisch, mit nächtlichem Raub in Malmö.

Das war eigentlich immer ganz lustig,  nur dieses Mal waren wir die Opfer (mein Sohn, 16, sagt eh dauernd, ich sei eines, da muss er wohl irgendwie Recht haben).

Ein paar offensichtlich in Kleider- und Stagepiano-Not geratene Malmöer – natürlich mit Migrationshintergrund, Hakennase und verschlagenem Blick, da brauchen wir gar nicht drüber reden – haben uns nämlich die Heckscheibe zerdöppert und durch das so entstandene Loch fast alles rausgewuchtet, was im Auto war.

Glück im Unglück: Der Weinvorrat war hinter dem Befahrersitz verstaut, da sind sie nicht rangekommen… hä, hä.

Selbstverständlich haben wir uns davon nicht unterkriegen lassen: Ich hatte einfach 2 Tage lang richtige Scheiß-Laune und während dessen haben wir uns mit gezückter Mastercard und leicht irrem Grinsekatzen-Blick komplett neu eingekleidet.

Wir kennen jetzt jedes verdammte Einkaufszentrum der Stadt. So wurde für uns aus Malmö Mall-Mö (ja, auf das Wortspiel bin ich verdammt stolz) und als die Scheibe wieder gefixt war, war ich auch wieder die Stimmungskanone, als die man mich kennt und meidet.

Da ging’s dann wieder.

Vor allem weiter. In die pure Natur, die absolute Stille. Beeindruckend.

Kein W-LAN, kein deutsches Fernsehen, Mobile Daten am Handy: as OFF as can.

3 Wochen ohne Late Breaking News, Top-Themen, Hintergrund-Berichte…

3 Wochen ohne Claus Kleber.

3 Wochen ohne Welt.

Oder 3 Wochen mit der wahren?

Es war jedenfalls total wundervoll, heilsam, besonders für Welt-Schmerz-Patienten, und die Wirkung spricht für sich:

Nach ein paar Tagen kam ein neuer Songtext (zu einer vorhandenen Musik).

Und einen Tag vor Abfahrt der erste Teil von einem weiteren, den ich dann zu Hause fertig geschrieben habe (der steht hier unten – vielleicht ist das aber auch einfach nur ein Gedicht).

Bis nächsten August hält die Tankfüllung locker. Mindestens.

Und ich kann es auch schon wieder ganz genau spüren:

Musik macht die Welt zu einem wundervollen Ort. Doch, doch, ganz bestimmt.

Ok, meistens.

Und wenn nicht, wenigstens zu einem besser zu ertragenden.

Na gut, häufig.

Und wenn auch das nicht mehr funktioniert: Hau ab und gib Ruhe.

Dir und der Musik.

 


 

Alles, was ich weiß

 

Die Wolken ziehn wie Qualm am grauen Himmel

Erst gestern warn noch viel zu viele Wespen hier

Die Luft ist feucht, ein bisschen riechts nach Schimmel

Und abends wechseln Gänse zeternd das Quartier

 

Für einen Augenblick singt noch mal eine Grille

Dann endlich bin ich ganz allein inmitten sagenhafter Stille

 

Und weil nichts stört

Und man nichts hört

Von maßlos Überschätzten

Von Yogis und Gehetzten

Ist das alles, was ich weiß

 

Das ist alles, was ich weiß.

 

Ich suche Pilze dort, wo niemand es erwartet

Wie eine schwarze Schnecke kriecht die Zeit

Ich halt die Luft an, als ein weißer Schwan groß startet

Und bin zu keinem Interview bereit

 

Ich geh auf dürrem Moos, halb nackt und ohne Schuhe

Flüster beim Beerensammeln Songs inmitten sagenhafter Ruhe

 

Und weil nichts stört

Und man nichts hört

Von tadellos Vernetzten

Von Toten und Verletzten

Ist das alles, was ich weiß

 

Das ist alles, was ich weiß

 

Das ist alles.

 

Vom Scheitern und Versagen
Worte zum Sonntag (dem 12. Februar 2017) | Teil 1

14 Comments

LEAVE A COMMENT

FEEDBACK