Das gibt Ärger. Es ist 6:23 und ich sitze mit frisch geputzten Zähnen in meinem schwarz-beige gestreiften Schlafanzug vor dem Rechner und schreibe den nächsten Blogartikel. Obwohl meine Frau mir verboten hat, heute Blogartikel zu schreiben.

Gleich wacht sie auf und entdeckt mich. Dann ist es aus.

Wir werden es noch eine Weile mit Paartherapie versuchen, aber dann…. Kennst du einen guten Anwalt für Familienrecht (kein Ehevertrag, keine Gütertrennung)?

Aber wieso Schreibverbot, ist das nicht eher Türkei als Ismaning?

Nun, meine Frau treibt die pure Sorge um und sie hat ja auch Recht: Herr Giesek dreht gerade massiv am Rad, sein nur noch mit porösem Geduldsfaden mühsam zusammengehaltenes Nervenkostüm zeigt deutliche Verschleißerscheinungen.

Nein, so kann es nicht weiter gehen. Das passt ja auch nicht zusammen:

Volker Gieseks COLORBOX haut gerade ihre neue CD raus, ich nenne das Ding vollmundig

INSELTAGE

und dann sind nirgends welche in Sicht.

Oder siehst du welche?

  • 25 Stunden pro Woche gebe ich offiziell Unterricht, plus:
    • „Heimarbeit“ für das Designen von Schulaufgaben und sonstigen Tests
    • deren Korrektur und Benotung
    • Vorbereitung des Repertoires in Haupt- und Pflichtfach Piano und Unterrichtspraktischem Klavierspiel in 3 Jahrgangsstufen für den nächsten „Leistungsnachweis“ (verdammt, schon wieder spannen die Socken, weil sich die Zehennägel nach oben biegen: „Leistungsnachweis“ bekommt von mir den Preis für das grauenhafteste Wort aller Zeiten im Zusammenhang mit Musik, herzlichen Glückwunsch, Herr Ministerialbeamter!)
    • Vertretungsstunden, Austauschschüler und Unterricht in englischer Sprache (ok, das macht ja auch Spaß, irgendwie :)), da die Schule am ERASMUS-Programm teilnimmt (ich selbst darf im Herbst nach Arnheim reisen und bin schon gespannt…)
  • COLORBOX | Wir hatten gerade ein sehr schönes Release-Konzert unserer neuen CD INSELTAGE in der Black Box im Gasteig in München. Ganz wundervoll für’s Selbstbewusstsein, so ein Projekt zu stemmen, aber: Keine Inseltage für eine sehr, sehr lange Zeit.
  • Die Soul- und Party-Band-Schiene | Gerade wird geprobt und – Hallelujah! – es gibt Gigs!
  • OH MAMA! (Klavier-Revue mit 18 meiner Songs) | 3 Shows + Proben im Vorfeld stehen bevor, ich muss rekapitulieren und einstudieren
  • „Mäusejazz“ für Kinder | Komponist und Bandleader Franz David Baumann hat es geschafft, alle 3 Teile der Geschichte im 2-Wochen-Abstand im Jazzclub Unterfahrt in München zu platzieren, daher in dreifacher Ausführung: Rekapitulieren, Proben, Konzert am Sonntag (!)
    • Inspektor Maus
    • Die Pecorinos I
    • Die Pecorinos II
  • Lemon Crash (Fusion mit Freunden und Gästen) | Der israelische Saxofonist Boris Gammer war mal wieder in der Stadt und da haben wir gleich ein Konzert mit ihm veranstaltet
  • Tapetenwechsel (bekannte Jazz- und Popsongs mit deutschen Texten, neu arrangiert) | Ist gerade in der „Launch-Phase“, d. h. Üben, Proben, Aufnehmen…
  • Und wirklich nicht als letzter Punkt soll hier FAMILIE stehen
  • Deshalb kommt jetzt noch: Einkaufen, Auto zur Inspektion fahren, Katze füttern, Gästeklo putzen (oh, scheiße, das müsste ich eigentlich mal wieder machen…), Getränke kaufen, Eltern besuchen und, und, und… Aber wem sage ich das, das kennst du ja auch.

Hinzu kommt:

Mir „passieren“ gerade Songs

Keine Ahnung, warum. Der letzte kam drei Tage vor dem INSELTAGE-Release-Konzert. Für alle Nicht-Musiker: In der Woche vor einem Release-Konzert, in dem deine Kompositionen präsentiert werden, erwartest du normalerweise nicht, irgend welche völlig anderen Songs zu schreiben. (Aber ich habe meine Theorie, warum es trotzdem geschieht – und damit schon ein Thema für einen der kommenden Artikel :))

Ich freue mich natürlich, dass das passiert. Es wäre ja auch schön blöd, die zarten Pflänzchen in den Boden zu treten, sobald sie zaghaft durch die Ackerkrume kriechen.

Welcher Musiker würde es schon über‘s Herz bringen, dem kreativen Impuls nicht zu folgen und lieber in die Sauna zu gehen?

Ok, ich.

Einmal hab ich genau das probiert. Ergebnis:

Ich habe den Songtext dann eben auf dieser supergeilen Wasserbett-Chill-Station-Liege (glugg, glugg, waaber, …aaahhh) im Ruheraum geschrieben. Wobei, nee, nicht geschrieben, eher in meinem rastlosen Hirn hingefriemelt.

Und dann die Sauna-Meisterin draußen um Stift und Papier angehauen, damit ich das komplette Ding nicht wieder vergesse, bis ich zu Hause bin.

Ist das nicht total romantisch? Manchmal haben wir doch alle das Gefühl

Wir leben in unserem eigenen Bio-Pic

Oder? Ich bin sicher: Jeder halbwegs talentierte Nachwuchs-Regisseur wäre in der Lage, einen abendfüllenden Spielfilm inclusive dreier Sequels auch über dein Musiker-Leben zu drehen.

Und wenn du und ich nur ein bisschen berühmter und bedeutender wären, würde er das auch tun ;))

All das liebe ich und habe mir meine persönlichen „Audio-Spuren“ ja auch mit Bedacht angelegt und zusammen gestellt. Normaler Weise jedoch sind davon ⅔ „gemutet“. Eng wird’s halt, wenn all die Schläfer gleichzeitig aufwachen und aktiv sind.

Solche Phasen gibt es immer wieder mal. Neben anderen, in denen bestimmte Projekte über einen längeren Zeitraum durchhängen oder sich einfach nicht mehr gut und stimmig anfühlen.

Dann ist es am besten, wenn du ernsthaft über die Zusammensetzung deines musikalischen Portfolios nachdenkst. Menschen und Dinge verändern sich und immer wieder mal musst du deinen Rucksack neu packen.

Raus mit den braunen Bananenschalen, möftelndem Müll und belastendem Ballast und rein mit herrlich frischen, bunten und vitaminreichen Dingen, die deinen inneren Künstler nähren und dich nicht nur finanziell, sondern auch seelisch über die Runden kommen lassen.

Jetzt klingt das natürlich immer ziemlich

Doof bis kokett

wenn Musiker (und nicht nur die) darüber klagen, „zu viel zu tun“ zu haben. Weil da sind ja sooo viele Projekte und Ideen und Leute, die etwas von dir und mit dir und unbedingt jetzt gleich, am besten vorgestern…

Ja, du bist toll und wichtig und gefragt (tätschel, tätschel), ein regelrechtes Opfer deiner überbordenden Kreativität, schon gut, schon gut.

Zusätzlich ist das immer auch ein Affront gegen all jene Kollegen, die (musikalisch) zur Zeit gerade nicht so viel zu tun haben und neben der Musik kellnern, an der Kasse sitzen, Lieferando oder Taxi fahren oder sonstwie jobben.

Ich sage nicht „müssen“. Weil ich es für die bessere Alternative halte, solche Dinge zu tun und die Musik, eine der großen Lieben unseres Lebens, unversehrt zu lassen.

Anstatt „ausschließlich Musik“ zu machen und dann in irgendwelchen

Blöd-Bands

am Verteilungskampf rund um den Grabbeltisch im 1-Euro-Shop der musikalischen Dienstleister teilzunehmen.

Und das mitunter in Sparten, in denen es exakt genauso viel um Musik geht wie beim Gebrauchtwagenhändler deines Misstrauens gleich hinter dem Rangierbahnhof („Kaufe Autos aller Art, zahle sofort bar, manipuliere umgehend das Tachometer“) oder der Blockflöten-Probestunde an der Kreismusikschule Oer-Erkenschwiek.

Bitte alle mal die Hand hoch, die sich am Anfang ihrer Laufbahn ernsthaft das Ziel gesetzt haben, in Lederhosen (Männer) und Dirndl (Frauen) – anders herum wär’s schon wieder cool – im Bierzelt zu performen, oder statt mit dem Score zum „König der Löwen“ einen Grammy zu kassieren, Klingeltöne für’s Handy zusammen zu schustern.

Oder in der Backing Band eines „Schlager-Künstlers“, durch Kameras weichgezeichnet, zum Vollplayback zu mimen. Auf Instrumenten ohne Kabel und ohne Funksender, versteht sich. Das können alle im Publikum und zu Hause vor ihren 50er-Jahre Nierentisch-TV-Möbeln sehen, sofern die Graue-Star-OP nicht komplett in die Hose gegangen ist.

Kann also gar nicht sein, dass man da jetzt was hört. Ist aber egal, und dem gemeinen 1-und-3-Klatscher auch herzlich wurscht. War es schon immer.

Weil: Es geht hier nicht um Musik, es geht um die Anmutung von Musik. Das reicht schon.

Das ist der Unterschied

Und ich stelle mit Stolz fest: Jedes einzelne Projekt hinter den Punkten oben, alle vorher und garantiert alle noch folgenden – und ja, verdammt, sogar das Gästeklo zu putzen –, ist näher dran am Grammy und dem „König der Löwen“, an Stevie Wonder, Snarky Puppy, Burt Bacharach, Motown, Dizzy, Miles, Jamie Cullum…, als der Wiesn-Hit 2017 (wer macht wohl das Rennen, bist du auch schon so gespannt wie ich?).

Ich versuche durchzuhalten, ohne Schaden zu nehmen. Klappt bestimmt, meine Frau passt ja auf mich auf.

Worte zum Sonntag (dem 12. Februar 2017) | Teil 2
Traumjob (Gedicht)

FEEDBACK