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Da bin ich wieder, denn ich bin wieder da.

Schon seit Ende August.

Da sind meine Frau und ich aus unserem auf 2 (!) Orte verteilten Luxusurlaub im Spreewald und in Lübow (nahe Wismar) wiedergekommen.

Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Das ist grottiges Deutsch, aber es stimmt.

Verhaltensauffälligkeiten sind bei Künstlern ja eher die Regel (schau mich und das hier an). Mit leichtem „Offset“ durchs Leben schweben – herrlich!

Doch auch innerhalb der Parallelgesellschaft gibt es Konventionen. Und wenn du die doppelte Verneinung lebst, wird’s richtig schwierig.

Das ist mir in der Nikolaikirche in Wismar klar geworden. Dort haben wir ein Konzert von 4 Klassischen Musikern (3 Posaunisten und ein Schlagzeuger) besucht. Ihr Programm hieß „Der weiße Hai im Alpensee und Johann Sebastian Bach“.

Verrückte Geschichte.

Wer den gleichnamigen Film mit George Clooney kennt, weiß, wie sie aussehen: „Männer, die auf Ziegen starren“.

Das sind die einen.

In Wismar in der Kirche begegnen wir einem von den anderen:

Diesem Schlagzeuger, den Kopf permanent nach links Richtung Notenständer gewendet. Eine unsichtbare Macht scheint Besitz von ihm ergriffen zu haben und ihn in ihrer unnachgiebigen, eisernen Klaue zu halten.

Hm, oder einfach Nackenstarre?

Wäre eine ambulante Teilmassage das Mittel der Wahl?

Ich entscheide mich dagegen.

Seine Augen suchen weder den Kontakt zu den Kollegen auf der Bühne, noch zum Publikum oder sich selbst.

In letzterem Fall wären sie geschlossen.

Sind sie aber nicht, sondern starren wie gebannt auf eine

Geheimnisvolle Notation

„Klar“, denkst du, „der Schlagzeug-Part einer Adaption von Medusa träumt – 3 monolithische Metaphern für kleine Schnarrtrommel und Cimbalon. Da muss man höllisch aufpassen, dass die multiple Metrik nicht beliebig rüberkommt, wie jederzeit lässig von einem guten Jazz-/Rock-/Pop-Drummer improvisiert. Während das vierfache piano in Abschnitt „Y (ringend, drängend)“ doch eine Spur zu sehr Richtung piano-pianissimo tendiert. Werktreue ist oberstes Gebot!“

Oder handelt es sich am Ende gar um das berüchtigte, von jedem Schlagwerker beim Bewerbungs-Slam für’s A-Orchester gefürchtete, Chromatasma Complexum für große Trommel aus dem Agnus Dei der unvollendeten Messe von Klaus-Willibald Serafin?

Schon bei der Uraufführung im Rahmen der Donaueschinger Musiktage 1971 war die Komplexität und Unfassbarkeit dieses „Parforceritts durch die Stille“, wie es im Pressetext hieß, für die Publikums-Hysterie verantwortlich, die noch während der in Doppel-Ganzen ekstatisch einher schreitenden Zweiten Introduktion einsetzte. Stellten deren Basstrommel-Tupfer doch alles in Frage, was unter dem überkommenen Begriff „Musik“ die Entwicklung des Menschen zu seiner nächsthöheren Bewusstseins-Ebene verhindert hatte.

Und wie die meisten Revolutionen forderte auch jene des Jahres 1971 Opfer. Die Augenzeugen-Berichte über die abgebrochene Premiere des „Nachkriegswunders und Jahrhundertwerks“ (Fachzeitschrift Gesellschaft und Musik) stimmen im Wesentlichen überein und die Geschehnisse gelten mittlerweile als historisch gesichert:

Chronologie einer Katastrophe

Bereits vor Konzertbeginn wurde sich im Publikum vereinzelt, jedoch unverhohlen, geschnäuzt. Nach den ersten, laut Spielanweisung „zaghaft, zaudernd“ auszuführenden Tönen gesellten sich die obligaten Konzert- und Theater-Huster hinzu. Nichts Ungewöhnliches während besonders filigraner Passagen. Bekanntlich unausweichlich, sobald die Musik für einen Augenblick zur Ruhe kommt.

Am Beginn des Chromatasma nun haben wir es aber mit einer komplex verschachtelten Pausen-Sequenz zu tun, die der Basstrommel-Virtuose Carl Ferdinand von Liebig unbeirrt und mit der gebotenen, tief empfundenen Ernsthaftigkeit musizierte. Er war zu jener Zeit Erster Schlagwerker der Staatsoper Hamburg und für den Komponisten „der Einzige im deutschsprachigen Kulturraum, der die Partitur in meinem Sinne umzusetzen im Stande ist“.

Huster und Schnäuzer jedoch agierten schon bald in immer schnellerer Folge, molto accelerando bei gleichzeitig bedrohlichem crescendo diabolico. Offensichtlich dem Reflex folgend, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen. Dabei angestachelt durch die überdurchschnittlich umfängliche Stille in dem epochalen Werk Serafins. Als die ersten begannen zu hyperventilieren – es waren wohl auch Asthmatiker im Publikum –, war die Büchse der Pandora geöffnet und binnen Sekunden steigerte sich das ganze Geschlonze zu einer alles erschlagenden, kruden Kakophonie.

In höchster Not und von Krämpfen geschüttelt, wickelten alle im Parkett und den drei ausverkauften Rängen ihre massenweise in Hand- oder Sakkotaschen mitgeführten Halsbonbons aus. Wie gewohnt agitato e fortissimo knisternd. Die leeren Bonbonpapiere warfen sie in einer hilflosen Übersprungshandlung mit verzweifelter Vehemenz Richtung Bühne. Vermeintlich die Quelle all der sadistisch-minimalistischen Provokation (die wenigsten kamen an, aber es sah schön aus).

Die Drops selbst verschwanden in ihren von Panik grotesk verzerrten, mal vor Entsetzen brüllenden, mal irre lachenden Mäulern, woraufhin der infernalische Lärm von in agressivstem Vernichtungswillen zerbissenem Naschwerk einsetzte. Er mischte sich inmitten der wie bunte Riesen-Schneeflocken sanft zu Boden schwebenden Bonbonpapiere mit den Schreien, dem Husten und Gurgeln, bald auch mit dem Geräusch splitternder Stühle und brechender Knochen.

Dem sich beim in wildem Furor erfolgten Sturm auf die Bühne auch dasjenige einer zerberstenden historischen Konzert-Basstrommel aus dem Jahr 1794, aus der Werkstatt des großen Federico Rizzi aus Taleggio, anschloss.

Diese Szenen waren nur noch mit den Tumulten bei der Uraufführung von Igor Stravinskys Le Sacre Du Printemps (Paris, 1913) vergleichbar.

Von Liebig hatte das Podium bereits während des einsetzenden Papier-Regens eiligen Schrittes verlassen. Kopfschüttelnd und wie ein verängstigtes, waidwundes Tier auf der Hinterbühne kauernd, beobachtete er die Szenerie seither durch ein Loch im Vorhang. Nach der Zerstörung seines geliebten Instruments vom Gefühl tiefster Verlassenheit überwältigt, weinte er, stumm und verzagt, dicke, salzige Tränen.


Tja,…

…so mag das gewesen sein anno ’71, aber…

…auf dem Notenpult unseres Schlagzeugers muss etwas anderes liegen. Denn was man hört, ist…

 


(Fortsetzung folgt.)

Traumjob (Gedicht)
Der Club der roten Lichter

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