{"id":1178,"date":"2014-09-30T18:00:03","date_gmt":"2014-09-30T16:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogaroundsound.de\/?p=1178"},"modified":"2021-08-01T14:46:10","modified_gmt":"2021-08-01T12:46:10","slug":"wortgefecht-die-amigos-vs-neil-hannon-teil-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/?p=1178","title":{"rendered":"Wortgefecht: Die Amigos vs. Neil Hannon (Teil 2\/2)"},"content":{"rendered":"<h2>Der schon wieder<\/h2>\n<p>Genau, <span style=\"color: #808000;\">Neil Hannon<\/span> mit dem Titel <em><span style=\"color: #808000;\">Mother Dear<\/span>.<\/em><\/p>\n<p>Dieses Mal nicht (wie im 1. Teil des Artikels) im Fernsehstudio mit Band unter optimalen Bedingungen, sondern <!--more-->allein mit seinem Lied, seiner Stimme und seinem Gitarrenspiel bei irgendeinem <em>Keine Ahnung wei\u00df auch nicht so genau was das jetzt sein soll<\/em>-Event. Offensichtlich ein Handy-Mitschnitt.<\/p>\n<p>Wer sich nicht ablenken l\u00e4sst von der naturgem\u00e4\u00df minderen Soundqualit\u00e4t, durchs Bild laufenden G\u00e4sten, sowie einigen sehr pr\u00e4senten Hinterkopffrisuren und vordergr\u00fcndigen H\u00fcten, wird feststellen: Astreine Gesangs- und Gitarren-Performance auch unter diesen Umst\u00e4nden \u2013 Resp\u00e4\u00e4\u00e4ckt.<\/p>\n<p>Und vor Allem: Der Song kommt r\u00fcber, auch in dieser minimalistischen Version. Solche Songs mag ich.<\/p>\n<p>Wer m\u00f6chte, kann sich gerne noch einmal den <a title=\"Wortgefecht\u2026 (Teil 1)\" href=\"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/?p=1170%20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">1. Teil des Artikels samt Fernsehaufzeichnung von dem Titel<\/a> anschauen. Zumindest aber w\u00e4re es eine gute Idee, die Worte der &#8220;Kontrahenten&#8221; noch einmal im Gesamt-\u00dcberblick nachzulesen: <a title=\"Lyrics \" href=\"https:\/\/www.evernote.com\/shard\/s245\/sh\/b562d992-34c3-4a8f-9791-9156786b0d2e\/8d9adb8be51f29c0d9b17b88ace6ac4a\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Mother Dear&#8221; von Neil Hannon (The Divine Comedy)<\/a> und <a title=\"Amigos-Text\" href=\"https:\/\/www.evernote.com\/shard\/s245\/sh\/5c94601d-d7bd-4d0f-bd8c-a06e139e8abf\/34357665f6658ce46e2c78f94d9d1956\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8220;Mutter, wir danken dir&#8221; von den <em>Amigos<\/em><\/a>.<\/p>\n<p>Alles klar? Gut, dann also weiter im Text, genauer: Mit dem<\/p>\n<h2>2. Vers und Refrain<\/h2>\n<div>\n<blockquote>\n<div>When I was a teenager I really did believe<\/div>\n<div>That my parents had adopted me<\/div>\n<div>And the way I carried on they must have thought<\/div>\n<div>They&#8217;d brought the wrong little baby home from maternity<\/div>\n<div>I&#8217;d like to say I&#8217;m sorry but my&#8230;<\/div>\n<div>&nbsp;<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>Mother dear &#8211; she already knows<\/div>\n<div>Mother dear &#8211; she&#8217;ll never let me go<\/div>\n<div>Mother dear &#8211; kept me warm and safe<\/div>\n<div>Mother dear &#8211; I&#8217;ll never lose my faith in mother dear<\/div>\n<\/blockquote>\n<p>F\u00fcr den als Teenager empfundenen Mangel an Elternliebe findet Neil Hannon das Bild der Adoption, um gleich darauf, aus seiner mittlerweile erwachsenen Perspektive heraus, verst\u00e4ndnisvoll den Blickwinkel seiner Eltern einzunehmen, in etwa: &#8220;Die hatten&#8217;s aber auch nicht leicht mit mir&#8221;.<\/p>\n<p>Das Bild hierf\u00fcr ist die von den Eltern vermutete Verwechselung der Babys auf der S\u00e4uglingsstation.<\/p>\n<p>Teenager- und Elternperspektive dieser Lebensphase zeichnen sich im Text also <em>beide<\/em> durch das Gef\u00fchl aus, dass eigentlich kein verwandtschaftliches Verh\u00e4ltnis zwischen Eltern und Kind besteht, die Familienbande erscheinen subjektiv aufgel\u00f6st \u2013<\/p>\n<p>Worst Case Scenario!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<h3><em>Mother Dear<\/em> punktet mit Unentschieden<\/h3>\n<p>Die Standpunkte stehen durch diese, das Eltern-Kind-Verh\u00e4ltnis auf die gleiche Art unterminierende, ironisch-absurde \u00dcberh\u00f6hung (&#8220;Wahrscheinlich sind wir gar nicht verwandt&#8221;) gleichberechtigt nebeneinander. Keiner ist Sieger, keiner Verlierer und beide haben Recht.<\/p>\n<p>Sch\u00f6n auch der Dreh: &#8220;Ich w\u00fcrde mich ja gerne f\u00fcr den Kummer entschuldigen, den ich ihr bereitet habe, aber muss ich gar nicht, weil Mutter auch in dieser Hinsicht l\u00e4ngst alles wei\u00df und stillschweigend verziehen hat.&#8221;<\/p>\n<p>Andererseits w\u00e4re der Erz\u00e4hler vielleicht aber auch gerade froh, wenn ein Gespr\u00e4ch in Gang k\u00e4me, er der Mutter seine eigenen Erkenntnisse, Beweggr\u00fcnde, Gef\u00fchle darlegen und erl\u00e4utern k\u00f6nnte und nicht schon alles ohne Worte gekl\u00e4rt w\u00e4re&#8230;<\/p>\n<p>So wie hier ist der gesamte Text im<\/p>\n<h3>Schwebezustand<\/h3>\n<p>zwischen ernsthaftem Bekenntnis und leichter Ironie.<\/p>\n<p>Es steckt beides darin:<\/p>\n<ul>\n<li>Wie sch\u00f6n! Meine Mutter kennt mich so gut wie sonst niemand auf der Welt, bei ihr f\u00fchle ich mich verstanden und geborgen und sie ist diejenige, der ich bedingungslos vertraue.<\/li>\n<li>Wie schrecklich! Meine Mutter kennt mich so gut wie sonst niemand auf der Welt, von ihr f\u00fchle ich mich beobachtet und dazu verdonnert, ihren Erwartungen zu entsprechen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Puh, ganz sch\u00f6n viel Reflexion \u00fcber ein paar popelige Popsong-Zeilen.<\/p>\n<p>Halb so schlimm, ich glaube n\u00e4mlich, all diese Dinge werden auch unterschwellig auf emotionaler Ebene transportiert, ohne dass das Hirn rauchen muss:<\/p>\n<p>Und zwar durch<\/p>\n<ul>\n<li>die Sch\u00f6nheit funktionierender Bilder<\/li>\n<li>einen guten Schuss Wortwitz und Humor<\/li>\n<li>die stimmige Gesamtkonstruktion, die Dramaturgie<br \/>\n(zu der&nbsp;nicht zuletzt die musikalische Ebene beitr\u00e4gt, die&nbsp;entscheidenden Einfluss auf Wirkung und Bedeutung der Worte hat; siehe&nbsp;die Melodie beim 4 Mal wie ein Aufschrei wiederholten &#8220;Mother dear&#8221; im Refrain: Was transportiert das inhaltlich?)<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Wir sp\u00fcren intuitiv, wenn etwas stimmig, \u00e4sthetisch und gut ist!<\/strong><\/p>\n<p>Um die Message zu begreifen, braucht man also gar keine messerscharfe Textanalyse zu schreiben.<\/p>\n<p>Oder zu lesen&#8230;, schluck&#8230;<\/p>\n<p>Ich mach mal lieber schnell weiter, bevor die geneigte Leserschaft zu br\u00f6ckeln beginnt.<\/p>\n<p>Und schon f\u00e4llt mir auf, dass ich den<\/p>\n<h3>1. Vers<\/h3>\n<p>noch gar nicht erw\u00e4hnt habe, aber gleich der hat es in sich und ich kann den Gedanken nachvollziehen, den er transportiert:<\/p>\n<blockquote><p>It was not that long ago it first occurred to me<br \/>\nThat my mother was a person in her own right<br \/>\nNow I realize how very lucky I have been<br \/>\nAnd there, but for the grace of God, go I<\/p><\/blockquote>\n<p>Als Kind sind die Eltern f\u00fcr uns, nun ja, unsere Eltern eben. Von Gott (oder wem auch immer) als solche in unser Da-Sein gepflanzt. Ihre Hauptfunktion, wie sie sich f\u00fcr uns darstellt: Mama &amp; Papa sein. Irgendwie gibt\u00b4s die beiden in der kindlichen Vorstellung ja auch nur im Doppelpack. Wird diese Einheit aus Bezugspersonen, die uns Orientierung liefert, getrennt oder trennt sie sich, ist das eine echte Katastrophe f\u00fcr das kindliche Gem\u00fct.<\/p>\n<p>Ich hatte davor jedenfalls Schiss, auch wenn der im Falle meiner Eltern unberechtigt war&nbsp;(sie sind zur Zeit beide Mitte 80 und ein gro\u00dfartiges, altes Ehepaar). Aber man stellt sich in jedem Lebensalter ja gerne schreckliche Sachen vor\u2026<\/p>\n<p>Erst w\u00e4hrend der Pubert\u00e4t beginnen wir dann langsam zu verstehen, dass die Eltern ein Leben vor unserer Geburt gehabt haben. Jeder f\u00fcr sich und als Paar. Und dass wiederum auch dieses Paar aus 2 einzelnen Individuen besteht, mit allem, was dazugeh\u00f6rt\u2026<\/p>\n<p>Und erst wenn wir erwachsen sind, wird uns klar, dass wir mit unseren Eltern im besten Fall ganz einfach Schwein gehabt haben (und sie letztendlich auch mit uns).<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Ein&nbsp;einfaches&nbsp;<em>Vers \u2013 Refrain-<\/em>Schema kann ganz sch\u00f6n gehaltvoll sein \u2013 oder eben auch nicht.<\/p>\n<p><strong>Ich finde, Vitamine f\u00fcr\u00b4s Hirn sind ein Qualit\u00e4tsmerkmal.<\/strong><\/p>\n<p>Die durch den amigo\u00b4schen Mutter-Text ausgel\u00f6sten Assoziationen jedenfalls h\u00e4tten einen deutlich k\u00fcrzeren Blogbeitrag ergeben.<\/p>\n<p>Und bei all dem hab ich noch gar kein Wort \u00fcber die letzte Strophe mit dem L\u00fcgendetektor bei der C.I.A. verloren. Muss ich aber auch nicht, das kriegst du&nbsp;selber hin&#8230;<\/p>\n<p>In diesem so unbedarft countryschlagerhaft daherkommenden Popsong ist also in Sachen textlicher Tiefe ganz sch\u00f6n was geboten.<\/p>\n<p><strong>Ich fasse zusammen<\/strong> und stelle fest:<\/p>\n<ol>\n<li>Der Texter sagt nicht direkt und ausschlie\u00dflich, dass er seine Mutter liebt, nein, er ist kein Plump-Sack, sondern findet <strong>Bilder<\/strong>, aus denen ein <strong>aktiver<\/strong> <strong>Zuh\u00f6rer<\/strong> sich das und alles andere zusammenreimen muss.<\/li>\n<li>Der Text birgt, so gesehen, also etliche <strong>kleine<\/strong> <strong>Geheimnisse<\/strong> und <strong>Mini-R\u00e4tsel<\/strong>, die <strong>entschl\u00fcsselt<\/strong> werden wollen: Das Publikum darf mitmachen! Durchaus spannend, und jedes Mal ein wenig Genugtuung, wenn&#8217;s &#8220;geschnackelt&#8221; hat.<\/li>\n<li>Er bebildert auf diese Weise <strong>universelle Erfahrungen,<\/strong> mit denen sich der Zuh\u00f6rer <strong>identifizieren<\/strong> kann, weil er sie, samt der dazu geh\u00f6renden Gef\u00fchle, ebenfalls gemacht hat, manchmal sogar unbewusst und ohne sie selber formulieren zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Der Text <strong>schwafelt<\/strong> <strong>nicht<\/strong>, sondern <strong>bringt auf den Punkt.<\/strong> Er ist <strong>Destillat statt Pl\u00f6rre<\/strong>.<\/li>\n<li>Der Text sagt: Es gibt <strong>unterschiedliche Perspektiven.<\/strong><\/li>\n<li>Und er sagt: Es gibt <strong>Humor<\/strong>, Halleluja! (Ein Album von <span style=\"color: #808000;\">Frank Zappa<\/span> hatte den Titel <em>Does Humor Belong In Music? <\/em>\u2013 Hier ist die Antwort.)<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Die Poesie von Neil Hannon<\/strong> ist somit alles andere als eindimensional. Vielmehr <strong>spiegelt<\/strong> sie <strong>&#8220;Das Leben, das Universum und den ganzen Rest&#8221;<\/strong> (wie es Douglas Adams in seiner Roman-Trilogie <em>Per Anhalter durch die Galaxis<\/em> so sch\u00f6n ausgedr\u00fcckt hat).<\/p>\n<p>Noch mal den Text der <em>Amigos<\/em> zum Vergleich?<\/p>\n<p>Nein?<\/p>\n<p>Soll mir Recht sein&#8230;<\/p>\n<p>Ich pl\u00e4diere f\u00fcr<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ein ausgeglicheneres Verh\u00e4ltnis von <em>Amigos-<\/em> und <em>Divine Comedy-<\/em>CDs an deutschen Discounter-Kassen!<\/strong><\/p>\n<p>Aber wahrscheinlich h\u00f6rt wieder kein Schwein zu\u2026<\/p>\n<p><span class=\"embed-youtube\" style=\"text-align:center; display: block;\"><iframe loading=\"lazy\" class=\"youtube-player\" width=\"1100\" height=\"619\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/4zxkeMyXCro?version=3&#038;rel=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;fs=1&#038;hl=de-DE&#038;autohide=2&#038;wmode=transparent\" allowfullscreen=\"true\" style=\"border:0;\" sandbox=\"allow-scripts allow-same-origin allow-popups allow-presentation allow-popups-to-escape-sandbox\"><\/iframe><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der schon wieder Genau, Neil Hannon mit dem Titel Mother Dear. Dieses Mal nicht (wie im 1. Teil des Artikels) im Fernsehstudio mit Band unter optimalen Bedingungen, sondern<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-1178","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blogartikel"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4Fngw-j0","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1178","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1178"}],"version-history":[{"count":89,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1178\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4536,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1178\/revisions\/4536"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1178"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1178"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1178"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}