{"id":4268,"date":"2020-12-04T18:35:00","date_gmt":"2020-12-04T17:35:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.blogaroundsound.de\/?p=4268"},"modified":"2024-04-03T18:15:01","modified_gmt":"2024-04-03T16:15:01","slug":"ein-schoener-tag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/?p=4268","title":{"rendered":"Ein sch\u00f6ner Tag"},"content":{"rendered":"\n<p>Heute ist der 31. Oktober 2020. Heute ist ein sch\u00f6ner Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich liege auf der Terrasse meines Vaters, meine Augen sind geschlossen. Es ist Samstag-Nachmittag, die Sonne scheint und hat noch einmal richtig Kraft. Ich habe mir mein rot-schwarzes Karo-Hemd \u00fcber das Gesicht gelegt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Auch die allerletzte Chance des Jahres auf einen Sonnenbrand wird ungenutzt verstreichen, das habe ich mir fest vorgenommen. Hier, am s\u00fcdlichen Ortsrand von Ismaning, liegt heute das Paradies. Wer h\u00e4tte das gedacht? Ich lausche und h\u00f6re Sommerger\u00e4usche. Eine Horde Kinder br\u00fcllt sich auf dem Bolzplatz aufgeregt Kommandos zu. Viel anders klingt ein Bundesliga-Spitzenspiel zur Zeit auch nicht, aber ich bin nicht in Stimmung f\u00fcr solche Gedanken. Bei dem sch\u00f6nen Wetter sind viele Leute unterwegs. Von den Spazierg\u00e4ngern und Radlern jenseits der Gartenhecke erreichen mich Konversations-Fragmente. Nach langsamem Fade-in wandern sie einmal durchs Stereo-Panorama, bevor sie auf der anderen Seite wieder verschwinden: \u201eJetzt fahren wir hier rechts und dann am Acker lang\u2026\u201c, \u201eWas?! Der hat dir das dann pers\u00f6nlich vorbeigebracht? Da h\u00e4ttest du ihm ja gleich noch\u2026\u201c, \u201eDer gro\u00dfe hei\u00dft Ferdi und der andere Kalli, oder nee, wart mal, andersrum\u2026\u201c, \u201eEy, komm, Digga, verarsch mich nich, \u2026 \u2026 Boah, krass \u2026 \u2026 \u2026 Nee, oder? \u2026 \u2026 \u2026 \u2026. Echt jetzt? \u2026 \u2026  Allllter! \u2026\u201c, ein \u2013 hoffentlich \u2013 noch sehr junger Mann telefoniert. Allt\u00e4glichkeiten, Unverbindliches, <em>Normales<\/em>, manchmal etwas in T\u00fcrkisch oder einer anderen Sprache, die ich nicht verstehe. Nur h\u00f6ren, nicht denken, nicht reagieren, was f\u00fcr eine Erholung! Vor lauter Entspannung f\u00fchle ich mich augenblicklich zehn gen\u00fcssliche Kilo schwerer und sinke noch tiefer in meine Gartenliege. Sogar das \u201eKraah\u2026, Kraah\u2026, Kraah\u2026\u201c der Kr\u00e4hen klingt bei Kaiserwetter aus Papas Kirschbaum optimistischer als bei Nebel und Nieselregen \u00fcber feuchten Ackerfurchen. Lebensfreude statt Tod, Verfall und Verg\u00e4nglichkeit. Hey, Satchmo, es ist soweit: And I think to myself \/ What a wonderful world. Satchmo \u2013 Klitschko \u2013 Kitschko\u2026 Mein Hirn mit ein paar kreativen Zuckungen und einer lautverschobenen Silbenkette. Kein gro\u00dfer Erfolg. Erfolg sieht heute anders aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ein paar Minuten habe ich meinem Vater vom Bett auf den Klostuhl und zur\u00fcck geholfen. Dazwischen Hand anlegen, Intimes, Feuchtt\u00fccher, Liebe; alles im Wohnzimmer hinter mir. Er ist alt, tapfer und dankbar. Er schl\u00e4ft wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab und zu f\u00e4hrt im Schneckentempo ein Auto die schmale Einbahnstra\u00dfe zwischen G\u00e4rtchen und gegen\u00fcberliegendem Acker entlang. Manche Verbrennungsmotoren klingen in diesem Tempo richtig sch\u00f6n. Unaufgeregte Best\u00e4ndigkeit im unteren Drehzahlbereich. Beruhigend und kuschelig. Ein Klang gewordenes Frotteetuch. Bald gleiten wir alle in Elektroautos komplett lautlos dahin. Ich frage mich, wie es eigentlich um den \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck der daf\u00fcr ben\u00f6tigten Batterien bestellt ist. Mit einiger M\u00fche schiebe ich beide Gedanken rechts aus dem Bild. Mein Gesicht unter dem Hemd ist inzwischen \u201cwarm+\u201c, an der Grenze zu \u201ehei\u00df\u201c. Ich beschlie\u00dfe, was ich f\u00fchle noch eine Weile \u201ewohlig\u201c zu finden. Das habe ich mir verdient.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Wie und wann der Mann da hingekommen ist, wei\u00df niemand. Vielleicht nicht einmal er selbst. Er liegt gute drei Meter entfernt von der T\u00fcr, eingef\u00e4delt zwischen den Tischbeinen vom Esstisch, r\u00fccklings auf dem Teppich, der Kr\u00fcckstock weit weg auf dem Boden unter dem Klavier, wie mit der Wasserwaage ausgerichtet parallel zu den Tasten, die Brille befindet sich fein s\u00e4uberlich zusammengeklappt auf dem Tisch. Meine Schwester hat unseren Vater mit einer Bettdecke zugedeckt und ein Kissen unter seinen Kopf geschoben. Sie hat ihn vor eineinhalb Stunden entdeckt, ist aber k\u00f6rperlich nicht in der Lage, ihm aufzuhelfen. Er sagt, er sei gestolpert und liege schon seit ein Uhr in der Nacht an dieser Stelle. Seit neun Stunden! Vielleicht hat er auf dem Weg vom Schlafzimmer zur Toilette schlaftrunken die T\u00fcren verwechselt, ist desorientiert ins Straucheln geraten, gest\u00fcrzt und hat sich dann wie ein Regenwurm durch die Stube gewunden, in der Hoffnung, etwas zu finden, an dem er sich hochziehen kann, bevor ihn schlie\u00dflich die Kr\u00e4fte verlie\u00dfen und er sich in sein Schicksal gef\u00fcgt hat. Wie aber passt da die zusammengeklappte Brille ins Bild? Auff\u00e4llig auch, dass er seine Strickjacke \u00fcber dem Schlafanzug an hat, die bevorzugte Abendgarderobe f\u00fcr das Fernseh-St\u00fcndchen nach dem Abendessen. Vielleicht ist er im Fernsehsessel eingeschlafen und war auf dem Weg ins Bett? Aber auch an dieser Theorie stimmt die zusammengeklappte Brille auf dem Esstisch nicht. Die legt er \u00fcblicherweise auf sein Nachtk\u00e4stchen, wenn er schlafen geht. Merkw\u00fcrdig, das alles \u2013 und es geh\u00f6rt eher in einen True Crime-Podcast als in meinen Donnerstagvormittag. Aber zum Gl\u00fcck ist hier niemand gestorben. Zum Gl\u00fcck ist <strong>hier<\/strong> niemand gestorben\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Es wird zunehmend schwierig. In immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden wird meine sture Wohligkeits-Behauptung von der Erkenntnis sabotiert, dass es unter meinem Hemd nicht kuschelig warm, sondern hei\u00df wie die H\u00f6lle ist und ich eigentlich gar keine Lust mehr auf dieses Setup mit dem Stoff \u00fcber dem Kopf habe. Ich liege hier ja auch schon eine ganze Weile mit Lichtschutzfaktor \u201eunendlich\u201c, und nachdem die Sonne um diese Jahreszeit ohnehin eher unvermittelt hinter den Horizont plumpst als sich langwierig mit majest\u00e4tischem Untergehen aufzuhalten, tendiert das Sonnenbrand-Restrisiko gegen Null. Au\u00dferdem bekomme ich keine Luft mehr. Ein Totschlag-Argument. Also nehme ich das Hemd vom Haupt und lege es mir kurzerhand auf den Bauch. K\u00fchlwarme Luft tanzt mir \u00fcber das Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Der Anruf meiner Schwester erreicht mich beim Fr\u00fchst\u00fcck. Sie hatte mir in den vergangenen zweieinhalb Stunden schon zwei Mal mit wachsender Verzweiflung auf den Anrufbeantworter gesprochen. Auf die Idee, den Notarzt zu rufen, kommt sie nicht. Ich lasse alles liegen und fahre sofort los, vielleicht kann ich meinem Vater ja tats\u00e4chlich wieder auf die Beine helfen. Aber welcher Anblick erwartet mich? Wie schlimm ist es oder wird es noch? Oberschenkelhalsbruch? Klinik? OP? Tod? Zum Gl\u00fcck wohnen wir im gleichen Ort, es sind nur f\u00fcnf Minuten mit dem Auto. W\u00e4hrend der Fahrt bin ich erstaunlich klar im Kopf. Mein Familienkrisen-Modus. Schon im letzten Jahr hat er mich mit Wachheit und Seelenruhe ausgestattet, als meine Frau und ich meine Mutter in deren letzten zwei Lebensstunden begleitet und, bis zur erl\u00f6senden gr\u00fcnen Nulllinie auf dem Monitor, an ihrem Bett auf der Intensivstation Wache gehalten haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Ja, ab und zu schaut er vorbei, der Ernst des Lebens. Er ist kein durch und durch schlechter Kerl. Er l\u00e4sst uns in die Tiefe wachsen. Er f\u00fchlt sich nicht richtig gut an, aber wenn wir es zulassen, gut und richtig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Route zur Wohnung, in der mein Vater und meine Schwester zusammen leben, f\u00fchrt auf dem letzten Teilst\u00fcck am Ortsrand entlang; links endet die Bebauung, rechts beginnen die Felder. Kurz vor dem Ziel knickt die Stra\u00dfe im rechten Winkel nach links ab. Schon von weitem sehe ich, dass dort etwas nicht stimmt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Tiefe Atemz\u00fcge fluten meine Lunge mit k\u00f6stlich frischem Sauerstoff. Mehr brauche ich gerade nicht. Ich atme, das ist schon alles. &#8220;Gl\u00fcck ist leicht&#8221; hat Roger Cicero mal gesungen. Das Lied r\u00fchrt mich jedes Mal, und es schie\u00dft mir das Wasser in die Augen. Kein Wunder, denn ich tauche. Unter der Oberfl\u00e4che des Ozeans, auf dem wir mit unseren wackeligen, schlecht gefalteten Papierschiffchen umher d\u00fcmpeln, bevor sie durchgeweicht untergehen, liegt nichts weniger als Unendlichkeit. Doch wir lassen uns ablenken, von all den unabl\u00e4ssig glitzernd aufpoppenden Schaumkronen um uns herum. Bei Flaute n\u00f6rgeln wir dann gelangweilt, dass nichts voran geht und nirgends mehr Schaumkronen zu sehen sind. Dabei k\u00f6nnten wir uns jetzt endlich st\u00f6rungsfrei auf den tiefen Kern der Sache einlassen. Ich bin dankbar, dass die Begegnung mit ihm f\u00fcr Musiker quasi zum Berufsbild geh\u00f6rt. Kunst ist eine Taucherglocke, in der ein Papierschiffs-Kapit\u00e4n abtauchen und Dinge aus der Unendlichkeit zu Tage f\u00f6rdern kann. Aber Seemann, sei gewarnt: Allen, die einmal dort waren, wird Schaum an der Oberfl\u00e4che nicht mehr gen\u00fcgen. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>In der Kurve blockieren zwei Polizeiautos und ebenso viele Sanit\u00e4tsfahrzeuge die Stra\u00dfe. Wahrscheinlich ein Notarzteinsatz in dem mehrgeschossigen Wohnblock an der Ecke. Aber wozu die Polizei? H\u00e4usliche Gewalt? Das Auto vor mir wird langsamer. Einer der Polizisten bedeutet dem Fahrer per Handzeichen, umzukehren. Hier ist augenblicklich kein Durchkommen. Aber ich habe es eilig, ich muss meinem Vater helfen! Gibt es vielleicht doch eine M\u00f6glichkeit, mir Wendeman\u00f6ver und Umweg zu ersparen? Eventuell k\u00f6nnte ich ja mit den Polizisten verhandeln, so dass sie mich ein kurzes St\u00fcck \u00fcber den Gehweg fahren lassen? W\u00fcrde der Platz reichen, um den Wagen vor dem n\u00e4chsten Laternenpfahl zur\u00fcck auf die Stra\u00dfe zu lenken? Mein Blick wandert pr\u00fcfend nach links. Das andere Auto gleitet durchs Bild. Ein \u00e4lterer Herr sitzt am Steuer. Er hat gewendet und f\u00e4hrt jetzt langsam in entgegengesetzter Richtung an mir vorbei. Als er mich passiert hat, sehe ich es: Auf dem Rasenst\u00fcck zwischen Gehweg und Wohnblock liegt eine Leiche. Unter dem schwarzen Tuch, mit dem die Einsatzkr\u00e4fte sie bereits zugedeckt haben, schauen mittig eine Hand mit einem Armband, am mir zugewandten Ende zwei F\u00fc\u00dfe hervor. Die Art der Schuhe lassen auf eine \u00e4ltere Dame schlie\u00dfen. Die Situation hat etwas Surreales. Aber ich tr\u00e4ume nicht: Da dr\u00fcben liegt eine Tote; dort sind die Not\u00e4rzte und Polizeibeamten; hier bin ich, auf dem Weg zu meinem gest\u00fcrzten Vater. Diese Anordnung birgt bei aller Tragik jedoch auch eine Chance, wenn man es pragmatisch angeht, und das tue ich jetzt. Ich parke mein Auto r\u00fcckw\u00e4rts an den Ackerrand, steige aus und gehe zu den zwei Sanit\u00e4tern, die vor dem vorderen Fahrzeug stehen. &#8220;Guten Tag, entschuldigen Sie, ein tragischer Anblick, aber Sie scheinen hier fertig zu sein&#8221;, h\u00f6re ich mich sagen und finde die Formulierung angesichts der abgedeckten Leiche in meinem R\u00fccken ein wenig makaber. Dann schildere ich in knappen Worten, weshalb ich unterwegs bin und frage, ob sie Zeit h\u00e4tten, noch einen Einsatz dran zu h\u00e4ngen und sich meinen Vater anzuschauen. Sie bejahen, daf\u00fcr seien sie schlie\u00dflich da. Ich fahre voraus und bin froh, gleich sehr souver\u00e4n mit professioneller Hilfe im Schlepptau bei meinem Vater und meiner Schwester aufzukreuzen. &#8220;Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck&#8221; denke ich noch, aber das ist zynisch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Sanit\u00e4ter knien neben meinem Vater. Sie k\u00fcmmern sich professionell und zugewandt um den bei jeder kleinsten Bewegung st\u00f6hnenden, wimmernden Mann auf dem Boden. Sie testen ihn auf Knochenbr\u00fcche, reden mit ihm, messen Blutdruck, injizieren Schmerzmittel. Mein Vater kann sich tats\u00e4chlich nur unter gr\u00f6\u00dften Schmerzen millimeterweise bewegen. Die Schulter, die Rippen, das Bein, aua, aua, alles ganz schlimm und kaum auszuhalten \u2013 auch f\u00fcr mich. Keine Chance, ihn auf einen Stuhl zu hieven. Vor allem: was dann, was w\u00e4re damit gewonnen? Er will liegen bleiben. Auch das ist keine wirklich zukunftsf\u00e4hige Idee. Also Transport in die Notaufnahme, zum R\u00f6ntgen und zur weiteren Diagnose, \u201enur um sicher zu gehen\u201c. Er willigt ein. Die Sanit\u00e4ter rufen den Rettungswagen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p>Die Sonne rast. Es geht mit ihr in gro\u00dfem Bogen bergab. Schon ist sie fast hinter der hohen Begrenzungsmauer verschwunden, die den Garten rechts vom Nachbargarten trennt. Ihre Strahlen verlieren an Kraft. Mich fr\u00f6stelt. Wie schnell das pl\u00f6tzlich geht, von hei\u00df zu kalt. Ich ziehe mir mein Hemd an. So kann ich es noch eine Weile aushalten. Ich bin froh, dass mein Vater seit drei Tagen wieder aus dem Krankenhaus zur\u00fcck ist. Aber er braucht jetzt 24 Stunden am Tag Betreuung. Wir haben schon geschafft, ein Behelfsbett und einen Klostuhl ins Wohnzimmer zu stellen. In der kommenden Woche sind Herbstferien. Meine Frau und ich werden uns die Tages- und Nachtdienste teilen und abwechselnd bei meinem Vater \u00fcbernachten. In gut einer Woche m\u00fcssen wir wieder zur Arbeit, das ist die Deadline, bis dahin muss hier eine 24-Stunden-Pflegekraft eingezogen sein. Wir werden f\u00fcr sie das Schlafzimmer entr\u00fcmpeln und herrichten. Au\u00dferdem brauchen wir WLAN, ein professionelles Pflegebett, einen Gehbock, Pflegestufe 2 und bitte, bitte, bitte einen anderen U.S.-Pr\u00e4sidenten. Zum Gl\u00fcck sind wir nicht allein, sondern eine Familie. Wir haben uns, das ist viel Wert. Auch hat mir in der ersten Nacht Kurt Tucholsky sehr geholfen, habe ich doch mit einem seiner B\u00fccher sage und schreibe zehn Schnaken erlegt. Leben und Tod liegen dicht beieinander. Sieh an, zwei entspannte Stunden in der Oktobersonne und schon traut sich wieder eine Art Humor aus der Deckung. Schwarz und sarkastisch zwar, aber was will man erwarten? Ich m\u00f6chte aufstehen und nach meinem Vater schauen, er hat sich lange nicht ger\u00fchrt. Schon auf der Kante der Liege hockend, bereit mich zu erheben, sehe ich vor mir auf dem Boden eine Feuerwanze krabbeln. Sie erkundet emsig die Terrakottafliesen der Terrasse. Ihr R\u00fccken mit der schwarzen Zeichnung leuchtet rot-orange in der letzten Sonne des Tages. Sie l\u00e4sst die Farben besonders intensiv erscheinen. Ein sch\u00f6nes Tier. Ich beuge mich herunter, um ihr n\u00e4her zu sein. Sie l\u00e4uft, wendet, dreht kleine Schleifen, begutachtet diesen und jenen Kr\u00fcmel, ohne je etwas mitzunehmen. Dann geht es ein St\u00fcck geradeaus entlang einer der grauen Fugen, die die Quadrate voneinander trennen. An einer (oder keiner?) bestimmten Stelle wechselt sie die Seite und widmet sich auf \u00e4hnliche Weise der n\u00e4chsten Fliese. Was sie wohl sucht in dieser hei\u00dfen, rotbraunen Ein\u00f6de? Von wem hat sie ihren Auftrag und wie lautet er? Sammelt sie am Ende einfach nur Informationen? Ich genie\u00dfe es, seit langer Zeit mal wieder etwas nicht wissen oder schnell herausfinden zu m\u00fcssen. Dieses Problem darf ungel\u00f6st bleiben. Mir entf\u00e4hrt ein wohliger Seufzer aus tiefster Seele und Kehle. Ich stehe auf, mache vorsichtig einen gro\u00dfen Schritt \u00fcber die Wanze hinweg und beschlie\u00dfe: Wir machen jetzt einfach beide unser Ding. Soll sie sich ruhig weiter um die Sache mit den Fliesen k\u00fcmmern.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich betrifft, so liegt mein aktuelles Thema dort drinnen im Wohnzimmer im Bett und hat mir vor \u00fcber 50 Jahren beigebracht, wie man beim Eis essen die letzte Kugel bis ganz unten in die Waffelt\u00fctenspitze bl\u00e4st.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist der 31. Oktober 2020. Heute ist ein sch\u00f6ner Tag. Ich liege auf der Terrasse meines Vaters, meine Augen sind geschlossen. Es ist Samstag-Nachmittag, die Sonne scheint und hat noch einmal richtig Kraft. 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