{"id":6534,"date":"2025-09-18T16:24:23","date_gmt":"2025-09-18T14:24:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/?p=6534"},"modified":"2025-10-05T12:33:02","modified_gmt":"2025-10-05T10:33:02","slug":"die-grosse-entmenschlichung-ki-und-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/?p=6534","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe Entmenschlichung: KI und Musik"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Es ist eine gute Sache, wenn ein von K\u00fcnstlicher Intelligenz gesteuerter Roboter minimal-invasiv, also ohne gr\u00f6\u00dfere Verletzungen und wesentlich genauer als ein Mensch, diagnostische oder therapeutische Operationen ausf\u00fchren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch ist es sch\u00f6n, wenn man sich in kalter Nacht an einem Lagerfeuer w\u00e4rmt statt zu (er)frieren. Wird die gleiche chemische Reaktion jedoch benutzt, um ein Asylantenheim samt der sich darin befindenden Menschen anzuz\u00fcnden, ist es das, jedenfalls in meinem Weltbild, nicht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Genauso wenig erfreut es mein Herz, dass die m\u00fcnchner Firma <em>Helsing<\/em>, die KI-gest\u00fctzte Waffensysteme und (unter anderem) Kamikaze-Drohnen herstellt, gerade zum wertvollsten deutschen Startup aller Zeiten avanciert ist und ausgerechnet Spotify-CEO Daniel Ek sich dort als f\u00fchrender Investor mit hohen dreistelligen Millionenbetr\u00e4gen eingekauft hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Das r\u00fcckt die 1000-Streams-pro-Jahr-Schwelle, ab der sich ein Song bei Spotify \u00fcberhaupt erst f\u00fcr eine Auszahlung von dann sage und schreibe 0,003 Cent pro Stream qualifiziert, und wegen der ich damals umgehend mein Spotify-Abo gek\u00fcndigt habe, f\u00fcr mich in ein noch abscheulicheres Licht.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Seiten der Firma Helsing wird alles daf\u00fcr getan, dass ich die Herstellung ihrer T\u00f6tungsmaschinen f\u00fcr einen Dienst an der Menschheit halte.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim ersten Satz, den ich auf ihrer Homepage geradezu aufgedr\u00e4ngt bekomme, hat man dem Wort &#8220;Schutz&#8221; sogar ein altmodisches &#8220;E&#8221; angeh\u00e4ngt, so dass die vermeintliche Helsing-Mission maximales Gewicht ausstrahlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie soll staatstragend und historisch relevant daher kommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vor meinem geistigen Auge erscheint auch sofort und ungefragt Alt- und Erst-Kanzler Konrad Adenauer im Nachkriegs-Parlament und 4:3 TV-Format.<\/p>\n\n\n\n<p>In schwarz-wei\u00df und mit dem Bundesadler auf der Schulter spricht er in staatsm\u00e4nnischem Duktus unter Applaus aller Fraktionen zu uns die Worte:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZUM SCHUTZE UNSERER DEMOKRATIEN.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>So steht es Anfang September 2025, wo ich diesen Artikel schreibe, tats\u00e4chlich auf der Helsing-Homepage. Als Claim. In Gro\u00dfbuchstaben, und also \u00fcber allem.<\/p>\n\n\n\n<p>In Untermen\u00fcs gibt es f\u00fcr Suchende dann noch verd\u00e4chtig ausf\u00fchrliches, dabei maximal unkonkretes und schwammiges Ethik-Geschwafel.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich von der KI generiert\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Aber es hilft alles nichts: Euphemistische Verhei\u00dfungen wie &#8220;Landkampf \u2013 KI-beschleunigt&#8221; oder &#8220;Durch den Einsatz von KI erm\u00f6glicht <em>Altra<\/em> eine skalierte Zielerfassung und koordinierte Pr\u00e4zisionseffekte&#8221; gruseln mich.<\/p>\n\n\n\n<p>Suggerieren sie doch, dass es m\u00f6glich sei, ohne Kollateralsch\u00e4den von Ramstein aus einem Taliban in Kabul den Salafisten-Bart zu stutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Da komme ich ins Gr\u00fcbeln und denke: K\u00f6nnte es nicht doch sein, dass das Gesch\u00e4ftsmodell von Helsing und Konsorten in letzter Konsequenz einfach auf schn\u00f6dem T\u00f6ten beruht?<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich werden, gem\u00e4\u00df der Mission, ausschlie\u00dflich Nicht-Demokraten und die auch ausnahmslos zur Verteidigung zur Strecke gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Puh, dann scheint es sich um ethisch unbedenkliches, &#8220;gutes&#8221; T\u00f6ten zu handeln, na, so ein Gl\u00fcck! Wer jetzt noch Bedenken hat, dem schleudere man ein entschiedenes \u201ePUTIN!\u201c entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber, ach, schon lese ich im Internet bei InvestmentWeek:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Brisant: Helsing besch\u00e4ftigt sich nicht nur mit dem Erkennen von Bedrohungen, sondern auch mit deren automatisierter Ausschaltung \u2013 ein ethisches Minenfeld, das Experten und NGOs gleicherma\u00dfen alarmiert.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Und mich gleich noch dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn \u201eautomatisierte Ausschaltung\u201c meint nichts anderes als autonomes maschinelles T\u00f6ten. Die KI erledigt alles und Alle, ohne dass sich ein Mensch die Finger schmutzig machen und sein Gewissen \u00fcberm\u00e4\u00dfig belasten muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Allen Aktion\u00e4rinnen und Aktion\u00e4ren, ganz besonders Daniel Ek, viel Spa\u00df mit den Kursgewinnen und sch\u00f6nen Gru\u00df an die Kinder\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Verantwortung, irgendjemand?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit anderen Worten: Ich k\u00f6nnte kotzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tu ich aber nicht. Erst noch ein paar Gedanken zum Thema KI und Musik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Das macht vielen meiner Kolleginnen und Kollegen Angst. Und tats\u00e4chlich d\u00fcrfen wir uns wohl abermals auf den Verlust einiger potentieller Einnahmequellen einstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke dabei etwa an die Komposition und Produktion von Werbe-Jingles, Klingelt\u00f6nen, Musik f\u00fcr Daily Soaps, GEMA-freier Musik f\u00fcr Musikbibliotheken, Superm\u00e4rkte, Fahrst\u00fchle und andere Gebrauchsmusik; sp\u00e4ter vielleicht auch Theatermusik, Fernsehserien und Kinofilme.<\/p>\n\n\n\n<p>Es k\u00f6nnte gut sein, dass man in diesen Bereichen bald nur noch jemanden braucht, der genaue und das gew\u00fcnschte Ergebnis pr\u00e4zise beschreibende Prompts generiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist zu beklagen, sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits: <em>The times, they are a-changing<\/em> (Binsenweisheit courtesy of Bob Dylan).<\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist es normal, dass sich im Laufe der Jahre Berufsbilder \u00e4ndern oder Berufe ganz verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Postkutscher, mittelalterlicher Kettenschmied, Wollk\u00e4mmer, Siebmacher, Leinweber, Pfannen- und Sensenschmied, Scherenschleifer, Fl\u00f6\u00dfer, Schweinehirt, Laternenanz\u00fcnder, Pulvermacher, Bremser bei der Eisenbahn, Lumpensammler, Folterknecht oder Telefonistin (und das ist nur eine winzige Auswahl) war es ab einem gewissen Zeitpunkt zun\u00e4chst immer schwieriger, schlie\u00dflich unm\u00f6glich mit seinem Fachwissen Geld zu verdienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie alle \u2013 besonders die Folterknechte, nehme ich an \u2013 d\u00fcrften daran zu knabbern gehabt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Lauf der Welt hat sie \u00fcberf\u00fcssig gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>(Wobei b\u00f6se Zungen behaupten, der Beruf des Folterknechts h\u00e4tte in einem winzigen Biotop  mitten in Bayern mit dem Decknamen &#8220;Raum 7&#8221; im Geb\u00e4ude der BFS f\u00fcr Musik M\u00fcnchen, wo ich Harmonielehre unterrichte, \u00fcberlebt\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ich bin Jahrgang 1963. Auch ich habe schon Berufe verschwinden oder sich radikal ver\u00e4ndern sehen:<\/p>\n\n\n\n<p>Schriftsetzer und Siebdrucker durften sich in Richtung Desktop Publishing umorientieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich vermisse die Tankwarte meiner Kindheit, die das Auto der Kunden nicht nur eigenh\u00e4ndig betankt, sondern stets, als zus\u00e4tzliche Serviceleistung, die Frontscheibe geputzt haben (die es damals, als es noch Insekten gab, auch immer dringend n\u00f6tig hatte).<\/p>\n\n\n\n<p>Richtiggehend leid tun mir alle arbeitslosen Rohrpostmechaniker, die ihre Ersparnisse zusammengekratzt haben, um eine Videothek zu er\u00f6ffnen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ein &#8220;Copyist&#8221; war jemand, der die Einzelstimmen aus einer Partitur extrahierte und kunstvoll, unter Kenntnis einer F\u00fclle von Regeln und Techniken, die alle einer optimalen Vom-Blatt-Lesbarkeit dienten, in sch\u00f6nster Handschrift aufbereitete. Er oder sie war pl\u00f6tzlich mit Computer-Notensatz-Programmen konfrontiert und musste sich wohl oder \u00fcbel darauf einlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Bei den aus\u00fcbenden Musikern traf es als erstes die Studiomusiker, und hier vor allem die Schlagzeuger.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erlebten einen herben Einbruch ihrer Buchungen, nachdem Anfang der 1980er Jahre die MIDI-Schnittstelle erfunden wurde, das <em>Musical Instruments Digital Interface<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war das Jahrzehnt der Synth-B\u00e4sse, Synth-Hornsections und digitalen Keyboard-Sounds (Hauch, Glitzer, Waber\u2026). Vor allem aber war es das Jahrzehnt der Drum-Computer!<\/p>\n\n\n\n<p>Pop-Alben konnten jetzt im Extremfall, der gar nicht mal so selten war, von nur einer einzigen Person arrangiert und komplett eingespielt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hatte Mike Oldfield zwar schon (analog nat\u00fcrlich!) 1973 mit seinem Album <em>Tubular Bells <\/em>auf ikonische Weise vorgemacht, aber ab den 1980er Jahren brauchte man daf\u00fcr keine Lagerhalle an Instrumenten mehr zu bedienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder, der wollte (und ein bisschen Geld gespart hatte), konnte das auch \u2013 vielleicht nicht ganz so ikonisch wie Mike Oldfield, aber immerhin.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn MIDI machte es m\u00f6glich, mehrere elektronische Klangerzeuger zu vernetzen und musikalische Passagen \u00fcber ein Keyboard in &#8220;Sequenzer-Programme&#8221; (den Vorl\u00e4ufern moderner <em>Digital Audio Workstations <\/em>wie Logic oder Cubase) einzuspielen und dort zu arrangieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei sogenannten multitimbralen Synthesizern oder Sound-Modulen (= nur die Tonerzeugung ohne Klaviertasten), konnte man sogar mehrere Kl\u00e4nge (engl. <em>Timbre<\/em> = Klangfarbe) gleichzeitig ansteuern.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich mit Anfang 20 war das damals der absolute Ober-Hammer und ein krasser Motivationsschub!<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade ertappe ich mich, wie ich beim Gedanken an diese Gr\u00fcnderjahre der digitalen Musikproduktion versonnen in meine Teetasse schmunzle, denn Technik, die einmal der hei\u00dfe Schei\u00df war, hat in der R\u00fcckschau ja auch immer etwas R\u00fchrendes.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein erstes, multitimbrales Soundmodul war jedenfalls 1987 das damals unglaubliche Roland MT-32: Es war sensationeller Weise in der Lage, eine Auswahl aus acht (aus heutiger Sicht v\u00f6llig indiskutablen) Sounds aus seiner Klangbibliothek gleichzeitig wiederzugeben, plus Drums!<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich war <span style=\"text-decoration: underline;\">ich<\/span> die Band \u2013 the sky was the limit!<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem MT-32 sowie seinen Kollegen und Nachfolgern, die im Laufe der Jahre bei mir einzogen, habe ich auf Teufel komm raus komponiert, arrangiert, experimentiert und viel \u00fcber die verschiedenen Spielweisen sowie das Zusammenspiel von Instrumenten gelernt.<\/p>\n\n\n\n<p>Learning by doing (and sometimes by failing miserably). Eine grundlegende und spannende Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe das Schatz-K\u00e4stchen immer noch im Schrank im Keller. Es bleibt bei mir bis zum Ende. Seinem oder meinem. Selbst im Seniorenheim wird sich ein Pl\u00e4tzchen daf\u00fcr finden lassen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Auch sp\u00e4ter habe ich mich am Puls der Zeit immer sehr wohl gef\u00fchlt. Doch vor lauter Staunen und Machen, ist mir nicht aufgefallen, dass mit der Digitalisierung unbemerkt ein schleichender Prozess begonnen hatte, der konsequent und notwendigerweise zwar zur Demokratisierung der Musikproduktion, aber als deren Kehrseite auch zur Entwertung musikalischer Arbeit gef\u00fchrt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl ganz konkret in monet\u00e4rer Hinsicht als auch im allgemeinen Bewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass wir in letzter Konsequenz aber (in bestimmten Stilistiken) auf die M\u00f6glichkeit einer kompletten &#8220;Entmenschlichung&#8221; der Musikproduktion zusteuern, h\u00e4tte ich mir niemals tr\u00e4umen lassen!<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei ist es eine folgerichtige Entwicklung:<\/p>\n\n\n\n<p>Musste man einen Drumcomputer urspr\u00fcnglich noch mehr oder weniger fachkundig programmieren, gab es schon bald Drum-Loops, die einem diese Arbeit abnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sampling kam auf und mit ihm Urheberrechts-Verletzungen, -Klagen und -Prozesse.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sounds der Klangbibliotheken wurden immer authentischer und Samples von Instrumenten n\u00e4herten sich dank der schnell steigenden Speicherkapazit\u00e4t von Mikrochips in Riesenschritten dem Originalklang.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon bald danach waren vorgefertigte Licks oder Phrasen erh\u00e4ltlich, die, jeweils in verschiedenen Tonarten eingespielt, auf &#8220;Sampling CDs&#8221; erschienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurden die Phrasen zu ganzen Passagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich, dass mein Ego und ich das erste Mal irritiert waren, als pl\u00f6tzlich komplette Akkordverbindungen, also etwas <span style=\"text-decoration: underline;\">Kompositorisches<\/span> (!), von Keyboard-Ikonen wie z. B. George Duke stiltypisch und genial eingespielt, verkauft wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Heros m\u00f6chte ich anhimmeln und bewundern; sie sollen mich inspirieren, aber ich m\u00f6chte nicht mit ihnen konkurrieren m\u00fcssen ;))!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Faszination wich daher relativ schnell so etwas wie: &#8220;B\u00f6h, wenn jetzt jeder so einen geilen Keyboard-Part f\u00fcr kleines Geld in seinem Song haben kann, ohne ihn selbst zu erfinden und einzuspielen oder jemanden darum zu bitten (zum Beispiel mich), wo soll das hinf\u00fchren?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, heute wissen wir es.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn es ging noch weiter: Seit nicht allzu langer Zeit ist das Arrangieren ganzer Song-Abl\u00e4ufe mit Intro, Vers, Pre-Chorus, Bridge etc. ein Kinderspiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Herstellung eines kompletten Drum-Tracks inklusive Feintuning wie &#8220;Mehr Tamburin und Hand Claps im Chorus&#8221;, &#8220;Weniger Drum-Fills w\u00e4hrend des Intros&#8221;, aber auch &#8220;Halftime Bass auf einem Fender Jazzbass im Vers&#8221; oder &#8220;Spiele eine Pop-Balladen Klavierbegleitung zu folgenden Akkorden&#8221; erledigt man mit wenigen Mausklicks und ohne eine einzige Note zu spielen oder einzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ja, schlimm, schlimm\u2026 oder warte, doch nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>So macht es doch im Grunde jeder Musik-Produzent: Er formt einen Song nach seiner Vision, indem er im Studio Musiker und den Toningenieur coacht und aus Angeboten ausw\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eben, und genau da ist der Unterschied: W\u00e4hrend einer Studio-Session kommuniziert man mit anderen Menschen und es findet ein kreativer Austausch im Team statt. Man ist Teil eines sozialen Gef\u00fcges und hockt nicht allein vor einem Bildschirm und trifft einsame Entscheidungen.<\/p>\n\n\n\n<p>War Musik nicht irgendwann mal Kommunikation?<\/p>\n\n\n\n<p>Noch eine Stufe abstrakter wird es, wenn man &#8220;arrangiert&#8221;, indem man auf einer schachbrett-artigen Matrix vorgefertigte, schon ab Werk perfekt aufeinander abgestimmte Groove- und Sound-&#8220;Kacheln&#8221; aktiviert oder stumm schaltet. Die kreative Leistung ersch\u00f6pft sich hierbei darin, eine Dramaturgie f\u00fcr diese An-\/Aus-Vorg\u00e4nge zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch mir macht es gro\u00dfen Spa\u00df, damit herum zu spielen, keine Frage. Aber ein damit produzierter Track w\u00e4re in meiner Welt niemals <span style=\"text-decoration: underline;\">mein Song<\/span>. Da ist mir die Sch\u00f6pfungsh\u00f6he zu gering. Etwas anderes w\u00e4re es, wenn ich den musikalischen Inhalt der &#8220;Kacheln&#8221; selbst erstellt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist der <em>Bedroom Producer<\/em> aber nicht nur der Feind aller Studiomusiker, sondern auch aller Studio<span style=\"text-decoration: underline;\">besitzer<\/span>. Viele Tonstudios wurden unrentabel und mussten aufgeben. Auch Mastering-Ingenieure sehen sich inzwischen einer F\u00fclle von Online-Portalen gegen\u00fcber, die vollautomatisiert klanglich sehr konkurrenzf\u00e4hige Master zu Dumping-Preisen anbieten. Das ist nicht sch\u00f6n und ich w\u00fcnschte, es w\u00e4re anders, aber siehe hierzu weiter oben unter &#8220;Laternenanz\u00fcnder&#8221;, &#8220;Kettenschmied&#8221; oder &#8220;Videothek&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gute Nachricht ist: Bei was und wie weit wir uns als Musikerinnen und Musiker von Technologie unterst\u00fctzen, inspirieren und helfen lassen m\u00f6chten, und ab wo der kreative Prozess zu korrumpiert und nicht mehr erf\u00fcllend ist, darf jeder f\u00fcr sich selbst entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Allen d\u00fcrfte aber klar sein, dass wir es (auch) in der Musikbranche mit einer Zeitenwende zu tun haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das erste Mal in der Musikgeschichte sind wir in bestimmten Genres an einem Punkt, wo man zwar noch eine Klang-Vorstellung haben muss, aber au\u00dfer der Eingabe eines m\u00f6glichst klaren und pr\u00e4zisen Prompts keinerlei Fachkenntnis in <em>irgend einem <\/em>Teilbereich der Musikprodukion n\u00f6tig ist, um Ergebnisse zu erzielen, die nicht mehr zu unterscheiden sind von jenen, die durch Expertise zustande gekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte etwas provokant zusammenfassen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Alle wissen, was sie wollen<\/p>\n\n\n\n<p>Doch keiner mehr, wie man es macht<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Oha, das sind ja schon zwei Zeilen aus einem Songtext zum Thema. Das wollen wir gleich mal in Chat GPT eingeben\u2026 ;))<\/p>\n\n\n\n<p>Mach es gern und schick mir das Ergebnis :))<\/p>\n\n\n\n<p>Die Songwriterin und KI-Expertin Jovanka von Wilsdorf sagt im Online-Portal der Zeit (auf zeit.de) etwas Sch\u00f6nes dazu:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Wenn ich Pizza bestelle und mir aussuche, ob da Mozzarella oder Sardellen draufliegen, macht mich das noch nicht zum B\u00e4cker.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Klar ist es doof und tut weh, wenn jedes dahergelaufene, unmusikalische Sackgesicht sich m\u00fchelos Vergleichbares, wenn nicht sogar Besseres, &#8220;zusammenprompten&#8221; kann, als wir es mit all unserer Begeisterung und nach lebenslangem <em>Commitment<\/em> jemals erschaffen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das Sackgesicht dann auch noch behauptet, er oder sie h\u00e4tte diese Musik &#8220;gemacht&#8221; oder jenen Songtext &#8220;geschrieben&#8221;, sich also zum Urheber hochstilisiert, muss man einschreiten und ein paar Dinge klarstellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn jeder Wahrscheinlichkeits-Berechnung einer K\u00fcnstlichen &#8220;Intelligenz&#8221; liegt die Arbeit von Fachleuten zugrunde. <\/p>\n\n\n\n<p>Fachleute, die nicht selten Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte ihres Lebens mit dem Erlernen und der Verfeinerung ihrer F\u00e4higkeiten zugebracht haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie und niemand sonst sind die Urheber!<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Leistung und Kreativit\u00e4t wird bei der Verwendung von KI allerdings in keiner Weise honoriert. Nicht durch Bezahlung, nicht einmal durch Erw\u00e4hnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Menschen in den KI-Tech-Firmen benutzen somit wertvolle, sch\u00f6pferische und nicht-sch\u00f6pferische Arbeit ohne Gegenleistung.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie beuten Menschen aus!<\/p>\n\n\n\n<p>Das muss aktiv gestoppt werden, von selber werden sie es nicht tun (denn es kann gut sein, dass sie am Ende alle selber Sackgesichter sind)!<\/p>\n\n\n\n<p>Die KI-Technologie wird nicht wieder verschwinden, das anzustreben w\u00e4re illusorisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie schadlos und verantwortungsvoll zu nutzen, m\u00fcssen wir lernen; sie zu regulieren, m\u00fcssen wir uns trauen!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlusswort soll noch einmal Jovanka von Wilsdorf haben:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Musizieren ist dem Menschen ein Urbed\u00fcrfnis. Eine Mutter singt f\u00fcr ihr Baby, ein Kind trommelt auf dem Tisch oder zupft am Eierschneider, weil da T\u00f6ne rauskommen. Das Musizieren werden sich die Menschen nicht nehmen lassen. Warum auch?<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das hat etwas Tr\u00f6stliches, nicht wahr?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine gute Sache, wenn ein von K\u00fcnstlicher Intelligenz gesteuerter Roboter minimal-invasiv, also ohne gr\u00f6\u00dfere Verletzungen und wesentlich genauer als ein Mensch, diagnostische oder therapeutische Operationen ausf\u00fchren kann. Auch ist es sch\u00f6n, wenn man sich in kalter Nacht an einem Lagerfeuer w\u00e4rmt statt zu (er)frieren. Wird die gleiche chemische Reaktion jedoch benutzt, um ein Asylantenheim samt der sich darin befindenden Menschen anzuz\u00fcnden, ist es das, jedenfalls in meinem Weltbild, nicht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6630,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-6534","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-blogartikel"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.blogaroundsound.de\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Die-grosse-Entmenschlichung-KI-und-Musik.jpg?fit=1920%2C1277&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p4Fngw-1Ho","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_likes_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6534","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6534"}],"version-history":[{"count":212,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6534\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6761,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6534\/revisions\/6761"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/6630"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6534"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6534"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6534"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}