{"id":6775,"date":"2026-05-29T20:10:49","date_gmt":"2026-05-29T18:10:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/?p=6775"},"modified":"2026-05-30T07:37:15","modified_gmt":"2026-05-30T05:37:15","slug":"mein-kurz-tripp-in-die-todeszone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.blogaroundsound.de\/?p=6775","title":{"rendered":"Mein Kurz-Tripp in die Todeszone"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Eigentlich br\u00e4uchte ich Therapiestunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber wozu habe ich einen Blog?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der hei\u00dft <em>Blog Around Sound,<\/em> und auch diese Geschichte beginnt mit Klang und Ger\u00e4uschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unartikuliert und Seele fressend zwar, aber immerhin\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wichtigste zuerst:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Frau lebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch ich dachte, sie stirbt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Horrorfilm, nur f\u00fcr mich, immersiv, in 3D \u2013 und das Ganze auch noch auf dem heimischen Love Seat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00f6chte jemand ein Eis? Nachos? Popcorn?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Vorspann und Disclaimer:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Das Folgende ist nichts f\u00fcr schwache Nerven und Kinder.<\/li>\n\n\n\n<li>Es kommen die Themen Tod und Sterben vor, wenn auch Gott sei Dank als lediglich <em>gef\u00fchlte<\/em> Realit\u00e4t.<\/li>\n\n\n\n<li>Meine Frau hat der Ver\u00f6ffentlichung nach langem \u00dcberlegen zugestimmt.<\/li>\n\n\n\n<li>Heldentum beherrsche ich bestenfalls auf Hobby-Niveau.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist Donnerstag, der 14. Juni 2026, Vatertag und Christi Himmelfahrt (wie passend und makaber\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sitzen kurz vor Mitternacht auf der Couch und schauen einen Film. Ich links, meine Frau rechts, Beine hoch, wie \u00fcblich. Uns trennt ein knapper Meter. Im Leben ist es weniger, oft passt nicht mal ein Blatt zwischen uns.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade noch haben wir eine Szene kommentiert, da irritiert mich ein nicht einzuordnendes, irgendwie r\u00f6chelnd-schnorchelndes Ger\u00e4usch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ersten Moment denke ich: &#8220;Hm, eingeschlafen, aber sie schnarcht komisch&#8221;, und spreche Annette an, w\u00e4hrend ich zu ihr r\u00fcber schaue.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da merke ich, dass etwas nicht stimmt, denn ihr Kopf ist zur mir abgewandten Seite gekippt und das R\u00f6cheln klingt merkw\u00fcrdig gepresst. So, als wenn Atmen nur mit gro\u00dfer M\u00fche durch eine Menge Schleim in den Atemwegen m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was hat sie?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sofort bin ich dr\u00fcben auf ihrer Seite, rede laut mit ihr, sch\u00fcttele sie an den Schultern, doch sie ist nicht ansprechbar. Wirklich beunruhigend ist, dass ihr K\u00f6rper ganz steif und der Blick auf eine unheimliche Art fokussiert ist. Oder hat sie zu diesem Zeitpunkt schon die Augen geschlossen? Ich werde mich sp\u00e4ter nicht genau erinnern k\u00f6nnen\u2026 Klar ist jedenfalls: Da hat etwas \u00fcbernommen, auf das ich keinen Einfluss habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Eindruck ist zudem, dass Annette schon auf der Reise und nicht mehr ganz hier ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Panik kriecht in mir hoch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Zu allem \u00dcberfluss mischt sich in das R\u00f6cheln jetzt ein stimmlicher Anteil. Das klingt richtig unheimlich! Will meine Frau mir etwas mitteilen, ist dazu aber nicht in der Lage? Hat sie Schmerzen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich r\u00fcttele, suche einen Ausweg f\u00fcr sie aus ihrem Eingesperrt-Sein, insistiere: &#8220;Annette, was hast du,\u2026 du wirst jetzt hier nicht sterben, wach auf, WACH AUF!&#8221; Ich habe die Fassung verloren und werde laut. F\u00fcr einen kurzen Moment produziert mein Gehirn einen Schauer ungeordneter, unzusammenh\u00e4ngender Gedanken: &#8220;\u2026das ist er also, der <em>Worst Case<\/em>, vor dem ich mich immer gef\u00fcrchtet habe,\u2026 er passiert hier und jetzt,\u2026 das ist real, das ist kein Traum,\u2026 ab morgen allein in dieser Wohnung,\u2026 dieses schreckliche Ger\u00e4usch,\u2026 steckt ihr etwas im Hals?\u2026sie erstickt!,\u2026 aufrichten, ich muss ihren Oberk\u00f6rper aufrichten,\u2026&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das schaffe ich nur leidlich. Ich knie auf dem Sofa und h\u00e4mmere auf ihren R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;\u2026verdammt, das Grunz-R\u00f6cheln wird schlimmer,\u2026 ich muss sie vom Sofa runter bekommen und auf den Boden legen, schnell, schnell,\u2026 kann endlich mal jemand den bescheuerten Fernseher ausmachen!?!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mittlerweile l\u00e4uft eine zu Tode komprimierte, daher br\u00fcll-laute Vorschau f\u00fcr\u2026 ich kann mich nicht erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;\u2026wo ist die Schei\u00df-Fernbedienung?,\u2026 ich verplemper gerade wertvolle Sekunden, auf die es vielleicht ankommt,\u2026 Knopf links oben,\u2026 dr\u00fccken,\u2026 FUUUCKKK!\u2026wieso tut sich nix?,\u2026 Fernbedienung Richtung Fernseher halten, Mann, wie bl\u00f6d kann man sein?!\u2026 zur\u00fcck zu Annette!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sehe, dass ihr linkes Bein merkw\u00fcrdig abgespreizt vom Sofa gerutscht ist. Egal jetzt. Ich greife ihr mit beiden H\u00e4nden unter die Achseln, aber bekomme sie nicht richtig zu fassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Wow, Ohnm\u00e4chtige sind doppelt schwer, null Unterst\u00fctzung, schaffe ich das \u00fcberhaupt?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich schalte vom \u00fcblichen Gentleman- in den Priorit\u00e4ten-Modus, werde unsanft, sogar etwas rabiat, packe wirklich zu. Schlie\u00dflich schaffe ich es, den K\u00f6rper um 180 Grad zu drehen und meine Frau vom Sofa zu schleifen. Die F\u00fc\u00dfe sind am Ende der Sitzfl\u00e4che angekommen, aber um deren sanfte Landung kann ich mich nicht k\u00fcmmern, das muss jetzt schnell gehen. Als sie auf den Parkettboden donnern, zucke ich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Geschafft, Annette liegt mit geschlossenen Augen ausgestreckt auf dem Boden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz ruhig. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Sekunde lang <em>sp\u00fcre<\/em> ich nur, dass sich etwas ver\u00e4ndert hat. Dann zieht mich die Erkenntnis, was es ist, schlagartig noch tiefer hinab in den Schlund meiner Verzweiflung:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist kein Ger\u00e4usch mehr zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das hei\u00dft f\u00fcr mich, sie atmet nicht mehr. Wird sie nicht auch gerade blau im Gesicht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstickt sie vielleicht an ihrer Zunge? Ich greife Annette in den Mund, zupfe irgendwie und v\u00f6llig unfachm\u00e4nnisch an ihrer Zunge herum, um die Luftr\u00f6hre frei zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann halte ich ihr die Nase zu und beginne mit der Beatmung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach drei, vier Atemst\u00f6\u00dfen durchzuckt mich ein Gedanke, unmittelbar gefolgt von seiner Antithese: &#8220;Volker, du hast \u00fcberhaupt keine Ahnung was hier los ist. Es muss ganz schnell eine Fachkraft her, du musst sofort den Notarzt rufen! \u2013 Aber dann kann ich nicht weiter beatmen!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin hin- und hergerissen. Ein klassisches Dilemma.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Aber du MUSST den Notarzt holen, es geht um Leben und Tod und du kennst dich null aus, wo ist das Handy?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Ich lasse von Annette ab und stehe auf, um das Handy zu lokalisieren. Dabei schaue ich wie zuf\u00e4llig von oben auf sie hinunter. Sie liegt da wie t\u2026 Dieses Bild wird mich nicht verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Schei\u00dfe, schei\u00dfe, schei\u00dfe!!! Das Handy, da, auf dem Tisch! Entsperren. Tastenfeld. 112.&#8221; Es meldet sich sofort jemand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin pl\u00f6tzlich ultra-fokussiert, dabei aber das Gegenteil von ruhig und besonnen. Ich wei\u00df, welche Informationen von mir gebraucht werden, habe aber keine Kontrolle mehr \u00fcber meine Emotionen. Komplett au\u00dfer mir br\u00fclle ich dem Mitarbeiter der Leitstelle ungefragt Fakten entgegen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;VOLKER GIESEK, MEINE FRAU,\u2026 SIE LIEGT AUF DEM BODEN UND IST OHNM\u00c4CHTIG. HAT KOMISCH GER\u00d6CHELT. ICH GLAUBE SIE ATMET NICHT MEHR. VOLKER GIESEK, FISCHERSTRA\u00dfE 10 IN ISMANING. KOMMEN SIE SCHNELL!!!&#8221; Sofort ist mir der letzte Satz peinlich. Der Leitstellen-Mitarbeiter erkundigt sich noch, ob schon ein Arzt vor Ort ist, was ich verneine, und vergewissert sich noch einmal der Adresse. Er sagt, gleich sei der Notarzt da, ich solle warten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ok. Roter Knopf. Handy weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weiter beatmen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wieso reagiert sie nicht? Zwischen dem Pusten immer wieder Wangen-Klapse und Flehen. &#8220;Komm zur\u00fcck, mach schon, wach auf, verdammt, verdammt, verdammt!&#8221; Dann ein Klaps-Crescendo, das fast schon in Ohrfeigen m\u00fcndet (sorry, Schatz!).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch mal pusten. Ich bin wie bei einem Kuss mit meinem Mund auf ihrem und habe die Augen geschlossen. In die Schw\u00e4rze hinein der Gedanke: &#8220;Wie geht eine Herzdruckmassage, wo genau muss die Hand hin\u2026?&#8221; Nachdem die Luft den K\u00f6rper gewechselt hat, hebe ich meinen Kopf, um erneut einzuatmen. Dabei schaue ich Annette, wie nach bisher jedem Puster, ins Gesicht, um zu pr\u00fcfen, ob sie reagiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Moment schl\u00e4gt sie wie in Zeitlupe einen Spalt weit die Augen auf und blinzelt verschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Herz macht einen Luftsprung und ich werde von den Zehenspitzen bis unter die Kopfhaut mit Gl\u00fcckshormonen geflutet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Da bist du ja wieder! Mensch, was machst du denn, was hast du?&#8221; Ich rufe es eher, als dass ich es sage. Vielleicht klingt es sogar eine Spur vorwurfsvoll. Doch ich streichle ihr dabei \u00fcber die Wange und was ich wirklich empfinde sind Liebe, Gl\u00fcck, Erleichterung \u2013 und Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Annette wei\u00df von nichts und schaut mich mit inzwischen sehr gro\u00dfen Augen an. &#8220;Was ist passiert?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Du warst ohnm\u00e4chtig. Ich dachte, du stirbst und habe den Notarzt gerufen!&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Nee, ich brauche keinen Notarzt, geht schon wieder. Ich stehe auf.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8220;Vergiss es! Die sind gleich da. Du bleibst hier liegen, bis der Arzt bei dir ist. Ich will dich nur einatmen und ausatmen sehen. Einatmen \u2013 ausatmen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann erscheinen die blau zuckenden Lichter des Rettungswagens vor unserem Wohnzimmerfenster.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenig sp\u00e4ter machen zwei Not\u00e4rzte ihre Arbeit. Professionell und zugewandt. Danke, M\u00e4nner!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Chef der beiden macht sich neben meiner Frau kniend Notizen auf seinem Oberschenkel, oder, besser gesagt, auf dem in den Stoff seiner Dienstkleidung an dieser Stelle eingelassenen, sogenannten &#8220;Hosenblock&#8221;, und vermutet schlie\u00dflich aufgrund der Symptome und meiner Schilderungen einen epileptischen Anfall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Annette erholt sich zusehends und ist schon fast wieder die Alte, als sie schlie\u00dflich gegen 0:45 in den Krankenwagen steigt und man sie ins Klinikum Bogenhausen in M\u00fcnchen bringt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Ich bin innerlich komplett leer und r\u00e4ume die Wohnung auf. An Schlaf ist nicht zu denken. Im Film w\u00fcrde der Protagonist sich nach einer solchen Episode erst einmal einen doppelten Whisky g\u00f6nnen. Protagonist und Whisky w\u00e4ren zwar im Haus, aber selbst darauf habe ich keine Lust.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass der Tod zum Leben geh\u00f6rt und der tragische Verlust einer geliebten Person jederzeit m\u00f6glich ist, wissen wir alle. Aber es macht einen Unterschied, ob man es theoretisch, also auf abstrakte Art wei\u00df oder die entsprechenden Gef\u00fchle in der Praxis tats\u00e4chlich <em>durchlebt<\/em> und <em>erfahren<\/em> hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich versuche, mich auf andere Dinge zu konzentrieren, aber immer wieder zieht es mich in dieser Nacht mit aller Kraft hinab. Es ist jedesmal ein Sturz ins Bodenlose, der mir den Magen umdreht, als h\u00e4tte jemand die Tragseile meines Aufzugs durchtrennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die schlimmsten Schnappsch\u00fcsse, eine Art <em>Worst Of<\/em>, der vergangenen Stunde, tauchen ungefragt vor meinem geistigen Auge auf und krallen sich dort fest wie blutgierige Zecken. Ich versuche mich mit Fernsehen abzulenken. Das klappt erwartungsgem\u00e4\u00df nicht. Gegen 2:00 gehe ich ins Bett. Doch auch hier st\u00fcrze ich von einem Abgrund in den n\u00e4chsten. Die Bilder sind das eine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber was schwerer wiegt: Ich habe Ur-Angst erlebt. Sie kauert die meiste Zeit gut angekettet tief unten in ihrem schwarzen Seelen-Kerkerloch. Pl\u00f6tzlich freigelassen, schie\u00dft sie mit solcher Wucht empor, dass ich ihr nichts entgegenzusetzen habe und hilflos bin. Das ist eine traumatische Erfahrung. Denn auch, wenn alles am Ende glimpflich verlaufen ist: F\u00fcr mich hat es sich angef\u00fchlt, als wenn ich den \u00fcber alles geliebten Lebens-Menschen verliere \u2013 ohne Ank\u00fcndigung, ohne Hinweis, von jetzt auf eben, einfach so und genau jetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Um kurz nach 3 Uhr ruft Annette aus der Notaufnahme an, um mir ein Update zu geben und mich zu beruhigen. Sie klingt m\u00fcde, aber gefasst. Zum Schluss k\u00fcndigt sie noch einen Anruf der Dienst habenden Stations\u00e4rztin an, die ein paar Fragen an mich hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um 3:25 klingelt das Telefon. Die \u00c4rztin. Sie ist freundlich, spricht mit ruhiger, verst\u00e4ndnisvoller Stimme, nimmt sich Zeit (die sie wahrscheinlich gar nicht hat), beantwortet meine Fragen, l\u00e4sst mich ausreden und sogar ein wenig erz\u00e4hlen. Sie fragt nach Einzelheiten \u00fcber den Ablauf der Ereignisse. Einzig, ob Annette am Anfang die Augen ge\u00f6ffnet oder geschlossen hatte, wei\u00df ich nicht mehr. Dieses Bild ist verschwunden. Die Frau Doktor meint, das w\u00e4re \u00fcberhaupt nicht schlimm, es w\u00e4re ja ein gro\u00dfer Schock f\u00fcr mich gewesen, da seien Erinnerungsl\u00fccken nicht ungew\u00f6hnlich. Sie geht anhand der Symptome und den bereits durchgef\u00fchrten Untersuchungen von einem ersten epileptischen Anfall aus,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Annette bleibt vier Tage im Krankenhaus, ich besuche sie t\u00e4glich. Sie wirkt gesund, ist nur genervt vom Essen (ich erl\u00f6se sie mit drei Scheiben mitgebrachtem Pfisterbrot) und vom Ruf des Muezzins, von dem sie jede Nacht verl\u00e4sslich um 5:15 aus dem Schlaf gerissen wird. Er t\u00f6nt aus dem mindestens auf Maximallautst\u00e4rke gestellten Handy ihrer Zimmergenossin, einer \u00e4lteren Muslima. Die ist offensichtlich schwerh\u00f6rig oder k\u00fcrzlich konvertiert (oder beides), denn statt umgehend den Gebetsteppich auszurollen und sich mit strubbeliger Nachtfrisur betend gen Mekka zu wenden, schl\u00e4ft sie seelenruhig weiter. Es w\u00e4re also in jedem Fall sinnlos, mit einer geloopten Aufnahme vom 12-Uhr-L\u00e4uten des K\u00f6lner, Mail\u00e4nder oder Bremer Doms zu kontern. Au\u00dferdem steht die Welt schon nah genug am Abgrund. Bitte nicht auch noch ein Glaubenskrieg in Zimmer 723!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap wp-block-paragraph\">Mit Abstand, ohne Panikattacke und nach der Lekt\u00fcre einschl\u00e4giger Fachbeitr\u00e4ge, muss ich feststellen: Ein epileptischer Anfall ist in der Regel nach einigen Minuten vor\u00fcber. Wie dramatisch war es wirklich? W\u00e4re eine Beatmung \u00fcberhaupt n\u00f6tig gewesen? Schwer zu sagen. Jedenfalls hat der f\u00fcr mich Furcht einfl\u00f6\u00dfende Anschein panische Angst ausgel\u00f6st, die alles Langsame, Leise, jede kontrollierte Handlung kontraintuitiv erscheinen lie\u00df. So bin ich z. B. nicht darauf gekommen, irgendwann Annettes Puls und Atmung zu pr\u00fcfen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber da ich weder medizinische Fachkraft noch Held bin, habe ich mir bereits verziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Annette mir \u00fcbrigens auch. Sie hat am n\u00e4chsten Tag lediglich gefragt, ob ich irgendwas in ihrem Mund gemacht h\u00e4tte, da w\u00e4re eine schmerzende Stelle. Irgendwann hat sie mir dann auch noch schmunzelnd einige mysteri\u00f6se blaue Flecken auf ihren Oberarmen pr\u00e4sentiert. Sie bildeten ein Muster wie von den Fingerkuppen sehr kr\u00e4ftig zupackender H\u00e4nde\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle bisherigen Untersuchungen waren ohne Befund, kein Hinweis auf eine organische Ursache. Ein epileptischer Anfall kann, aber muss sich nicht wiederholen. Zur Vorsicht ein paar Monate nicht Auto zu fahren und Medikamente zu nehmen, ist zu verschmerzen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende ist also alles gl\u00fccklich verlaufen. Aber ich war \u2013 wenn auch nur f\u00fcr eine kurze Zeit \u2013 an dem gleichen Ort, an dem ich gewesen w\u00e4re, wenn es das nicht getan h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcnsche mir, dass die Geschichte hiermit aus und vorbei ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenigstens beim Schreiben liegt es in meiner Hand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich br\u00e4uchte ich Therapiestunden. Aber wozu habe ich einen Blog? Der hei\u00dft Blog Around Sound, und auch diese Geschichte beginnt mit Klang und Ger\u00e4uschen. Unartikuliert und Seele fressend zwar, aber immerhin\u2026 Das Wichtigste zuerst: Meine Frau lebt. Doch ich dachte, sie stirbt. Ein Horrorfilm, nur f\u00fcr mich, immersiv, in 3D \u2013 und das Ganze auch noch auf dem heimischen Love Seat. M\u00f6chte jemand ein Eis? Nachos? 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