Noch nie war meine Musik eine finanzielle Säule meiner Existenz

So, nu isses raus. Is doch egal…

„Aber du bist doch Musiker, wie jetzt?“

Ok, noch einmal mit ein paar dunkelblauen Zusatzpixeln, dann wird klarer, was ich meine:

Noch nie war meine Musik eine finanzielle Säule meiner Existenz.

Und wenn ich mir das richtig überlege, muss ich sogar noch ein weiteres Mal auf den „Bold“-Button drücken, denn im Grunde muss es heißen:

Noch nie war meine Musik eine finanzielle Säule meiner Existenz.

Weil, ganz recht, ich bin Musiker, und da ist sie natürlich eine tragende seelischemotionale Säule, während ich hier meine 80 Jahre (?) abkaspere. Ohne sie mog I ned, und diesen Status erreicht höchstens noch meine Frau.

ZEN

Als ich Anfang 20 war, hat mich übrigens eine frühe Freundin mal allen Ernstes gefragt, ob ich jetzt sie oder die Musik mehr lieben und für was ich mich entscheiden würde, wenn ich müsste.

Das war ein Fehler.

An alle Musiker-Freundinnen da draußen: Ihr wollt die Antwort, die ein Musiker mit Anfang 20 euch auf so eine Frage geben wird, nicht wirklich wissen…

Eine eure Seele streichelnde Replik ist überhaupt und im günstigsten Fall erst zu erwarten, wenn Ihr mindestens 25 Jahre in Treue fest zu eurem Musiker gestanden habt ohne die Frage zu stellen.

Aber dann braucht ihr nicht mehr zu fragen, weil ihr die Antwort kennt.

Irre, oder?

Doch zurück zum eigentlichen Thema: Früher war einer meiner Lieblingssätze, wenn mich Leute gefragt haben, was ich denn so mache:

Ich bin Musiker — und mein Hobby ist gute Musik.

 

 

Mittlerweile müsste es zwar eher heißen: „Ich bin Musiker — und mein Hobby ist meine Musik“, aber das sind Nuancen.

Ja, ja, wenn das mit der Musik mal nicht mehr so funzt, werde ich Aphoristiker.

Und noch etwas steht fest: Ein sowohl auf finanzieller als auch künstlerischer Ebene erfüllendes Musikerdasein ist eine Mischkalkulation mit Querfinanzierung, der folgende sehr einfache Überlegung zu Grunde liegt:

Deine Kunst-Mucke ist dir heilig. So.

Es muss einen „geschützten Bereich“ geben, in dem sie statt finden kann.

Geschützt vor Dienstleistungs-Erwartungen und Verwertungsdruck aller Art. Kunst soll also so weit wie möglich unabhängig von finanziellen Zwängen sein. Das muss sie sogar, wenn keiner was für sie zahlt.

Und das bedeutet vor allem 2 Dinge:

1. Da du nicht bereit bist, deiner Kunst ein menschenwürdiges Leben zu opfern (ja, ganz recht, du hast Ansprüche!) oder gar (wie romantisch? – Nein: Wie dämlich!) für sie zu sterben – muss das Geld zum Leben zu einem großen Teil woanders her kommen. Eine Einstellung, die übrigens auch meine Familie zu schätzen weiß (auch, wenn´s mit Paul Simon und Sting trotzdem nichts wird, siehe Teil 1).

2. Du misst bei Gagen- und Honorarverhandlungen mit unterschiedlichem Maß (höre ich da ein leises „Tss, tss, tss…“ aus den hinteren Reihen?).

Brotjob und Kunst

Mir zum Beispiel gibt zur Zeit das Unterrichten in Form einer Dozentenstelle an der BFS für Musik München finanzielle und damit künstlerische Unabhängigkeit.

So ein Brotjob sollte, damit es mit dem „guten Leben“ klappt, selbstverständlich nach deinen Vorlieben, Fähigkeiten und Schmerzgrenzen ausgesucht werden. Die liegen bei jedem woanders und können sich im Lauf der Jahre durchaus immer wieder ändern.

Für den einen oder anderen kann sogar eine musikferne Tätigkeit die bessere Wahl sein, als, sagen wir, mit der Gala- oder Tanzband jedes Wochenende zur Bierzelt-, Hochzeits- oder Firmenfeier-Experience aufzubrechen. Ich kenne aber auch Musiker, die genau das lieber machen als Unterricht zu geben.

Ist alles ok, lass deinen Blick durch einen beliebigen U-Bahn-Waggon zur Rush-Hour schweifen, und dir wird klar: Das Konzept Mensch beruht auf Unterschiedlichkeit, und so gibt es auch für jeden Musiker seine ganz persönliche Rote Linie.

Während also für die Kommerzband, die Produktion am Stadttheater oder die Dozentenstelle bitte ein Honorar im erfreulichen Bereich am Start ist, darf das spannende Kunst-und Musik-Projekt, die Band mit den interessanten Eigenkompositionen oder das selbst initiierte Musical nicht am nicht vorhandenen Geld scheitern!

Mach diese Dinge trotzdem und du wirst in anderen, ausgesprochen nachhaltigen Währungen entlohnt: Künstlerisches Wachstum, Erfüllung und Selbstrespekt.

Ist getestet, funktioniert.

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

Karl Valentin

 

 

 

…mitunter unbezahlte.

Doch obwohl in meinem Fall der diesbezügliche Rahmen abgesteckt ist, komme auch ich zwischendurch immer wieder ins Grübeln:

  • Vielleicht spiele ich ja auch mit meiner Band doch mal auf Eintritt, wenn der Club in erreichbarer Nähe ist, Konzertatmosphäre (also ein konzentriertes Publikum) verspricht und ehrenvolle 15 oder 18 Euro Eintritt verlangt?
  • Kann ich das angebotene Herzens-Projekt noch annehmen oder fehlt mir dazu Zeit und Energie, würde ich meinen Brotjob dann noch so engagiert ausüben können, wie es mein eingebautes Qualitätsmanagement verlangt?
  • Möchte ich noch eine weitere Stunde gut bezahlten Unterricht geben oder viel lieber eine Stunde mehr Zeit haben zum Musik hören, Spazieren gehen, üben, Wolken zählen, Bäume anstarren…?
  • Und kann ich mir das überhaupt leisten?

Kann, will, möchte, soll ich…? Das ist ok und normal, in Routine erstarrst du in diesem Job jedenfalls nicht.

Früher war alles… anders

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Der (Selbst-) Respekt gegenüber Kunst und Künstler verlangt von uns und unserem Publikum aber auch einen bestimmten Umgang mit Musikaufnahmen.

Traditionell oberstes Ziel war bisher: Der Plat-ten-deal (Mu-ha-ha-ha-harr…!). Das Große Erbe der Analogen Ära.

Aber in aller Bescheidenheit: Was nützt dir Label und Bandübernahmevertrag (= du lieferst ein fertiges Master an, hast also sämtliche Kosten für Studio, Mastering, Musiker selber getragen), wenn zwar Layout und Herstellungskosten übernommen werden. Du danach aber

  • der Plattenfirma erst einmal ein vertraglich vereinbartes Kontingent der eigenen Scheibe abkaufen musst,
  • die Jahresabrechnung der On- und Offline-Verkäufe mit einem sagenhaften zweistelligen Betrag auf deinem Girokonto zu Buche schlägt, nachdem sich das Promotion-Zeitfenster von 3 Wochen um den Release-Termin herum geschlossen hat, und
  • dank obligatorischem Verlagsvertrag 40% deiner GEMA-Tantiemen, die du für deine Konzerte bekommst, an die Plattenfirma geht. Konzerte wohl gemerkt, die du selber (und niemand sonst!) unter Blut, Schweiß und Tränen an Land gezogen hat.

Das ist eine Situationsbeschreibung, kein Vorwurf. Wahrscheinlich tun alle wie immer ihr Bestes und jeder Musiker, der sich an Konzertakquise versucht, weiß natürlich, dass es im Augenblick, sicher auch für engagierte Plattenfirmen, gelinde gesagt etwas schwierig ist.

So, wie die Dinge heute liegen, mit

  • Online-Vertriebs-Dienstleistern wie TuneCore, DooLoad, YouTunes, Zimbalam, bandcamp, CD-Baby,
  • Download-Portalen wie iTunes, amazon, musicload und
  • Streaming-Diensten wie Spotify, Napster, Deezer, simfy, soundcloud (die Liste ist bei weitem nicht vollständig),

ist uns „Klein-Künstlern“ jedoch schlichtweg die Notwendigkeit einer Plattenfirma abhanden gekommen, vor allem, so lange sie nach den Mustern der Analogen Ära agiert. Dabei hat sie noch niemals für diejenigen Sinn gemacht, die einfach nur so im Portfolio mitschwimmen, der Unterschied ist: Heute gibt es Alternativen.

Man ist geneigt, desillusioniert in seinen Bart zu mümmeln: „Nichts mit meiner Musik zu erwirtschaften bekomme ich auch alleine hin. Wenigstens verdient dann niemand ohne Gegenleistung an meinen GEMA-Tantiemen mit.“

Ok, ich mach dir einen Vorschlag: Wir maulen jetzt gemeinsam genau ein Vierteljahr lang. Und lesen diesen sehr schönen und mir aus der Seele sprechenden Artikel.

Danach aber, im 3. und letzten Teil, beschäftigen wir uns schleunigst mit den Alternativen und einem positiven Ausblick.

Weil es ist doch so: Noch viel weniger als Jazzmusiker braucht die Welt weinerliche Jazz-Musiker.

Falls du Freunde oder Bekannte hast, die das Thema „Kunst und Kommerz“ebenfalls interessiert, teile diesen Artikel über „Sharen mit“ ganz unten.

 

A jazz musician needs more than courage.

He needs talent, imagination, discipline, and intensity as well.

He may also need a day gig or generous parents.

Don Grolnick

 

 

 

 

 

 


Bildnachweis

Artikelbild: Public Domain

Plattenspieler: Honeypix  / pixelio.de

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Volker Giesek

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