Eigentlich bräuchte ich Therapiestunden.

Aber wozu habe ich einen Blog?

Der heißt Blog Around Sound, und auch diese Geschichte beginnt mit Klang und Geräuschen.

Unartikuliert und Seele fressend zwar, aber immerhin…

Das Wichtigste zuerst:

Meine Frau lebt.

Doch ich dachte, sie stirbt.

Ein Horrorfilm, nur für mich, immersiv, in 3D – und das Ganze auch noch auf dem heimischen Love Seat.

Möchte jemand ein Eis? Nachos? Popcorn?

Vorspann und Disclaimer:

  1. Das Folgende ist nichts für schwache Nerven und Kinder.
  2. Es kommen die Themen Tod und Sterben vor, wenn auch Gott sei Dank als lediglich gefühlte Realität.
  3. Meine Frau hat der Veröffentlichung nach langem Überlegen zugestimmt.
  4. Heldentum beherrsche ich bestenfalls auf Hobby-Niveau.

Es ist Donnerstag, der 14. Juni 2026, Vatertag und Christi Himmelfahrt (wie passend und makaber…)

Wir sitzen kurz vor Mitternacht auf der Couch und schauen einen Film. Ich links, meine Frau rechts, Beine hoch, wie üblich. Uns trennt ein knapper Meter. Im Leben ist es weniger, oft passt nicht mal ein Blatt zwischen uns.

Gerade noch haben wir eine Szene kommentiert, da irritiert mich ein nicht einzuordnendes, irgendwie röchelnd-schnorchelndes Geräusch.

Im ersten Moment denke ich: “Hm, eingeschlafen, aber sie schnarcht komisch”, und spreche Annette an, während ich zu ihr rüber schaue.

Da merke ich, dass etwas nicht stimmt, denn ihr Kopf ist zur mir abgewandten Seite gekippt und das Röcheln klingt merkwürdig gepresst. So, als wenn Atmen nur mit großer Mühe durch eine Menge Schleim in den Atemwegen möglich wäre.

Was hat sie?

Sofort bin ich drüben auf ihrer Seite, rede laut mit ihr, schüttele sie an den Schultern, doch sie ist nicht ansprechbar. Wirklich beunruhigend ist, dass ihr Körper ganz steif und der Blick auf eine unheimliche Art fokussiert ist. Oder hat sie zu diesem Zeitpunkt schon die Augen geschlossen? Ich werde mich später nicht genau erinnern können… Klar ist jedenfalls: Da hat etwas übernommen, auf das ich keinen Einfluss habe.

Mein Eindruck ist zudem, dass Annette schon auf der Reise und nicht mehr ganz hier ist.

Panik kriecht in mir hoch.

Zu allem Überfluss mischt sich in das Röcheln jetzt ein stimmlicher Anteil. Das klingt richtig unheimlich! Will meine Frau mir etwas mitteilen, ist dazu aber nicht in der Lage? Hat sie Schmerzen?

Ich rüttele, suche einen Ausweg für sie aus ihrem Eingesperrt-Sein, insistiere: “Annette, was hast du,… du wirst jetzt hier nicht sterben, wach auf, WACH AUF!” Ich habe die Fassung verloren und werde laut. Für einen kurzen Moment produziert mein Gehirn einen Schauer ungeordneter, unzusammenhängender Gedanken: “…das ist er also, der Worst Case, vor dem ich mich immer gefürchtet habe,… er passiert hier und jetzt,… das ist real, das ist kein Traum,… ab morgen allein in dieser Wohnung,… dieses schreckliche Geräusch,… steckt ihr etwas im Hals?…sie erstickt!,… aufrichten, ich muss ihren Oberkörper aufrichten,…”

Das schaffe ich nur leidlich. Ich knie auf dem Sofa und hämmere auf ihren Rücken.

“…verdammt, das Grunz-Röcheln wird schlimmer,… ich muss sie vom Sofa runter bekommen und auf den Boden legen, schnell, schnell,… kann endlich mal jemand den bescheuerten Fernseher ausmachen!?!”

Mittlerweile läuft eine zu Tode komprimierte, daher brüll-laute Vorschau für… ich kann mich nicht erinnern.

“…wo ist die Scheiß-Fernbedienung?,… ich verplemper gerade wertvolle Sekunden, auf die es vielleicht ankommt,… Knopf links oben,… drücken,… FUUUCKKK!…wieso tut sich nix?,… Fernbedienung Richtung Fernseher halten, Mann, wie blöd kann man sein?!… zurück zu Annette!”

Ich sehe, dass ihr linkes Bein merkwürdig abgespreizt vom Sofa gerutscht ist. Egal jetzt. Ich greife ihr mit beiden Händen unter die Achseln, aber bekomme sie nicht richtig zu fassen.

“Wow, Ohnmächtige sind doppelt schwer, null Unterstützung, schaffe ich das überhaupt?”

Ich schalte vom üblichen Gentleman- in den Prioritäten-Modus, werde unsanft, sogar etwas rabiat, packe wirklich zu. Schließlich schaffe ich es, den Körper um 180 Grad zu drehen und meine Frau vom Sofa zu schleifen. Die Füße sind am Ende der Sitzfläche angekommen, aber um deren sanfte Landung kann ich mich nicht kümmern, das muss jetzt schnell gehen. Als sie auf den Parkettboden donnern, zucke ich zusammen.

Geschafft, Annette liegt mit geschlossenen Augen ausgestreckt auf dem Boden.

Ganz ruhig.

Eine Sekunde lang spüre ich nur, dass sich etwas verändert hat. Dann zieht mich die Erkenntnis, was es ist, schlagartig noch tiefer hinab in den Schlund meiner Verzweiflung:

Es ist kein Geräusch mehr zu hören.

Das heißt für mich, sie atmet nicht mehr. Wird sie nicht auch gerade blau im Gesicht?

Erstickt sie vielleicht an ihrer Zunge? Ich greife Annette in den Mund, zupfe irgendwie und völlig unfachmännisch an ihrer Zunge herum, um die Luftröhre frei zu bekommen.

Dann halte ich ihr die Nase zu und beginne mit der Beatmung.

Nach drei, vier Atemstößen durchzuckt mich ein Gedanke, unmittelbar gefolgt von seiner Antithese: “Volker, du hast überhaupt keine Ahnung was hier los ist. Es muss ganz schnell eine Fachkraft her, du musst sofort den Notarzt rufen! – Aber dann kann ich nicht weiter beatmen!”

Ich bin hin- und hergerissen. Ein klassisches Dilemma.

“Aber du MUSST den Notarzt holen, es geht um Leben und Tod und du kennst dich null aus, wo ist das Handy?”

Ich lasse von Annette ab und stehe auf, um das Handy zu lokalisieren. Dabei schaue ich wie zufällig von oben auf sie hinunter. Sie liegt da wie t… Dieses Bild wird mich nicht verlassen.

“Scheiße, scheiße, scheiße!!! Das Handy, da, auf dem Tisch! Entsperren. Tastenfeld. 112.” Es meldet sich sofort jemand.

Ich bin plötzlich ultra-fokussiert, dabei aber das Gegenteil von ruhig und besonnen. Ich weiß, welche Informationen von mir gebraucht werden, habe aber keine Kontrolle mehr über meine Emotionen. Komplett außer mir brülle ich dem Mitarbeiter der Leitstelle ungefragt Fakten entgegen:

“VOLKER GIESEK, MEINE FRAU,… SIE LIEGT AUF DEM BODEN UND IST OHNMÄCHTIG. HAT KOMISCH GERÖCHELT. ICH GLAUBE SIE ATMET NICHT MEHR. VOLKER GIESEK, FISCHERSTRAßE 10 IN ISMANING. KOMMEN SIE SCHNELL!!!” Sofort ist mir der letzte Satz peinlich. Der Leitstellen-Mitarbeiter erkundigt sich noch, ob schon ein Arzt vor Ort ist, was ich verneine, und vergewissert sich noch einmal der Adresse. Er sagt, gleich sei der Notarzt da, ich solle warten.

Ok. Roter Knopf. Handy weg.

Weiter beatmen!

Wieso reagiert sie nicht? Zwischen dem Pusten immer wieder Wangen-Klapse und Flehen. “Komm zurück, mach schon, wach auf, verdammt, verdammt, verdammt!” Dann ein Klaps-Crescendo, das fast schon in Ohrfeigen mündet (sorry, Schatz!).

Noch mal pusten. Ich bin wie bei einem Kuss mit meinem Mund auf ihrem und habe die Augen geschlossen. In die Schwärze hinein der Gedanke: “Wie geht eine Herzdruckmassage, wo genau muss die Hand hin…?” Nachdem die Luft den Körper gewechselt hat, hebe ich meinen Kopf, um erneut einzuatmen. Dabei schaue ich Annette, wie nach bisher jedem Puster, ins Gesicht, um zu prüfen, ob sie reagiert.

In diesem Moment schlägt sie wie in Zeitlupe einen Spalt weit die Augen auf und blinzelt verschlafen.

Mein Herz macht einen Luftsprung und ich werde von den Zehenspitzen bis unter die Kopfhaut mit Glückshormonen geflutet.

“Da bist du ja wieder! Mensch, was machst du denn, was hast du?” Ich rufe es eher, als dass ich es sage. Vielleicht klingt es sogar eine Spur vorwurfsvoll. Doch ich streichle ihr dabei über die Wange und was ich wirklich empfinde sind Liebe, Glück, Erleichterung – und Erschöpfung.

Annette weiß von nichts und schaut mich mit inzwischen sehr großen Augen an. “Was ist passiert?”

“Du warst ohnmächtig. Ich dachte, du stirbst und habe den Notarzt gerufen!”

“Nee, ich brauche keinen Notarzt, geht schon wieder. Ich stehe auf.”

“Vergiss es! Die sind gleich da. Du bleibst hier liegen, bis der Arzt bei dir ist. Ich will dich nur einatmen und ausatmen sehen. Einatmen – ausatmen.”

Dann erscheinen die blau zuckenden Lichter des Rettungswagens vor unserem Wohnzimmerfenster.

Wenig später machen zwei Notärzte ihre Arbeit. Professionell und zugewandt. Danke, Männer!

Der Chef der beiden macht sich neben meiner Frau kniend Notizen auf seinem Oberschenkel, oder, besser gesagt, auf dem in den Stoff seiner Dienstkleidung an dieser Stelle eingelassenen, sogenannten “Hosenblock”, und vermutet schließlich aufgrund der Symptome und meiner Schilderungen einen epileptischen Anfall.

Annette erholt sich zusehends und ist schon fast wieder die Alte, als sie schließlich gegen 0:45 in den Krankenwagen steigt und man sie ins Klinikum Bogenhausen in München bringt.

Ich bin innerlich komplett leer und räume die Wohnung auf. An Schlaf ist nicht zu denken. Im Film würde der Protagonist sich nach einer solchen Episode erst einmal einen doppelten Whisky gönnen. Protagonist und Whisky wären zwar im Haus, aber selbst darauf habe ich keine Lust.

Dass der Tod zum Leben gehört und der tragische Verlust einer geliebten Person jederzeit möglich ist, wissen wir alle. Aber es macht einen Unterschied, ob man es theoretisch, also auf abstrakte Art weiß oder die entsprechenden Gefühle in der Praxis tatsächlich durchlebt und erfahren hat.

Ich versuche, mich auf andere Dinge zu konzentrieren, aber immer wieder zieht es mich in dieser Nacht mit aller Kraft hinab. Es ist jedesmal ein Sturz ins Bodenlose, der mir den Magen umdreht, als hätte jemand die Tragseile meines Aufzugs durchtrennt.

Die schlimmsten Schnappschüsse, eine Art Worst Of, der vergangenen Stunde, tauchen ungefragt vor meinem geistigen Auge auf und krallen sich dort fest wie blutgierige Zecken. Ich versuche mich mit Fernsehen abzulenken. Das klappt erwartungsgemäß nicht. Gegen 2:00 gehe ich ins Bett. Doch auch hier stürze ich von einem Abgrund in den nächsten. Die Bilder sind das eine.

Aber was schwerer wiegt: Ich habe Ur-Angst erlebt. Sie kauert die meiste Zeit gut angekettet tief unten in ihrem schwarzen Seelen-Kerkerloch. Plötzlich freigelassen, schießt sie mit solcher Wucht empor, dass ich ihr nichts entgegenzusetzen habe und hilflos bin. Das ist eine traumatische Erfahrung. Denn auch, wenn alles am Ende glimpflich verlaufen ist: Für mich hat es sich angefühlt, als wenn ich den über alles geliebten Lebens-Menschen verliere – ohne Ankündigung, ohne Hinweis, von jetzt auf eben, einfach so und genau jetzt.

Um kurz nach 3 Uhr ruft Annette aus der Notaufnahme an, um mir ein Update zu geben und mich zu beruhigen. Sie klingt müde, aber gefasst. Zum Schluss kündigt sie noch einen Anruf der Dienst habenden Stationsärztin an, die ein paar Fragen an mich hat.

Um 3:25 klingelt das Telefon. Die Ärztin. Sie ist freundlich, spricht mit ruhiger, verständnisvoller Stimme, nimmt sich Zeit (die sie wahrscheinlich gar nicht hat), beantwortet meine Fragen, lässt mich ausreden und sogar ein wenig erzählen. Sie fragt nach Einzelheiten über den Ablauf der Ereignisse. Einzig, ob Annette am Anfang die Augen geöffnet oder geschlossen hatte, weiß ich nicht mehr. Dieses Bild ist verschwunden. Die Frau Doktor meint, das wäre überhaupt nicht schlimm, es wäre ja ein großer Schock für mich gewesen, da seien Erinnerungslücken nicht ungewöhnlich. Sie geht anhand der Symptome und den bereits durchgeführten Untersuchungen von einem ersten epileptischen Anfall aus,

Annette bleibt vier Tage im Krankenhaus, ich besuche sie täglich. Sie wirkt gesund, ist nur genervt vom Essen (ich erlöse sie mit drei Scheiben mitgebrachtem Pfisterbrot) und vom Ruf des Muezzins, von dem sie jede Nacht verlässlich um 5:15 aus dem Schlaf gerissen wird. Er tönt aus dem mindestens auf Maximallautstärke gestellten Handy ihrer Zimmergenossin, einer älteren Muslima. Die ist offensichtlich schwerhörig oder kürzlich konvertiert (oder beides), denn statt umgehend den Gebetsteppich auszurollen und sich mit strubbeliger Nachtfrisur betend gen Mekka zu wenden, schläft sie seelenruhig weiter. Es wäre also in jedem Fall sinnlos, mit einer geloopten Aufnahme vom 12-Uhr-Läuten des Kölner, Mailänder oder Bremer Doms zu kontern. Außerdem steht die Welt schon nah genug am Abgrund. Bitte nicht auch noch ein Glaubenskrieg in Zimmer 723!

Mit Abstand, ohne Panikattacke und nach der Lektüre einschlägiger Fachbeiträge, muss ich feststellen: Ein epileptischer Anfall ist in der Regel nach einigen Minuten vorüber. Wie dramatisch war es wirklich? Wäre eine Beatmung überhaupt nötig gewesen? Schwer zu sagen. Jedenfalls hat der für mich Furcht einflößende Anschein panische Angst ausgelöst, die alles Langsame, Leise, jede kontrollierte Handlung kontraintuitiv erscheinen ließ. So bin ich z. B. nicht darauf gekommen, irgendwann Annettes Puls und Atmung zu prüfen…

Aber da ich weder medizinische Fachkraft noch Held bin, habe ich mir bereits verziehen.

Annette mir übrigens auch. Sie hat am nächsten Tag lediglich gefragt, ob ich irgendwas in ihrem Mund gemacht hätte, da wäre eine schmerzende Stelle. Irgendwann hat sie mir dann auch noch schmunzelnd einige mysteriöse blaue Flecken auf ihren Oberarmen präsentiert. Sie bildeten ein Muster wie von den Fingerkuppen sehr kräftig zupackender Hände…

Alle bisherigen Untersuchungen waren ohne Befund, kein Hinweis auf eine organische Ursache. Ein epileptischer Anfall kann, aber muss sich nicht wiederholen. Zur Vorsicht ein paar Monate nicht Auto zu fahren und Medikamente zu nehmen, ist zu verschmerzen.

Am Ende ist also alles glücklich verlaufen. Aber ich war – wenn auch nur für eine kurze Zeit – an dem gleichen Ort, an dem ich gewesen wäre, wenn es das nicht getan hätte.

Ich wünsche mir, dass die Geschichte hiermit aus und vorbei ist.

Wenigstens beim Schreiben liegt es in meiner Hand.

Die große Entmenschlichung: KI und Musik

Volker Giesek

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