Da geht einem doch das Herz auf. Die Amigos singen für und vor den Augen von Mama Amigo einen Titel, der ihnen aus der Seele spricht. Zuvor hatte Lausbub Andy Borg die Zwei an der Nase herumgeführt und zauberte dann diese riesen Überraschung aus dem Hut, die selbst Bernd zu Tränen gerührt hat.

(Original Info zu diesem Video auf YouTube)

Du bist ja noch da. Tapfer.

Ja, also das wäre jetzt natürlich ein gefundenenes Fressen und sehr, sehr einfach für mich…

Zu einfach.

Deshalb sag ich erst mal lieber nichts.

Obwohl, soviel vielleicht doch:

  • Knapp 450.000 Aufrufe für diesen Amigo-Song auf Youtube (und dank euch und mir jetzt sogar noch ein paar mehr)
  • Echo 2011 in der Kategorie „Künstler/Künstlerin/Gruppe Volkstümliche Musik“
  • „Erfolgreichstes Schlager-Duo“ 2011, 2012, 2013
  • 3.000.000 (3 Millionen) verkaufte Tonträger,

und die meisten davon sicher von Leuten erstanden, die ihre wahre Freude daran haben.

Kann an wahrer Freude etwas falsch sein?

Warte…

Bevor du Luft holst, lassen wir zuerst die Amigos sprechen.

Immerhin sagen sie das hier:

„Es gibt diese schrecklichen Beschimpfungen in unserem Gästebuch. Wer unsere Musik nicht mag, wem die zuwider ist – warum, um Gottes Willen, beschäftigt er sich mit uns? Ich gehe doch auch nicht auf die Internetseite von Ozzy Osbourne und hinterlasse da dreckige Kommentare. Jeder hat erst einmal Respekt verdient. So halten wir es jedenfalls.“

Hm, kann ich nachvollziehen. Den Gedankengang. Und die Beschimpfungen.

Nebel des Grauens

Was, wenn Florian Silbereisen, Carmen Nebel, Andy „Lausbub“ Borg und Co TV-Formate wie den „Mutantenstadel“ und „Die große Pest der Volksmusik“ in Millionen heimische Wohnzimmer verbreiten, während sich bei deinem eigenen Konzert, zu dessen Akquise lächerliche 63 Telefonate über einen Zeitraum von 36 Monaten nötig waren, ein mal wieder extrem handverlesener Kreis von 19 Live-Jazz-Enthusiasten eingefunden hat (davon 10 zahlende, der Rest steht in einem für den Laien nicht nachzuvollziehenden Verhältnis zum Vorsitzenden des örtlichen Jazzvereins oder seiner Frau)?

Alles wohlgemerkt, nachdem du Jahre Deines Lebens in der den Charme einer St.-Pauli-Fan-Zug-Toilette nach einem verlorenen Relegationsspiel versprühenden, schall- und leider auch luftdichten Übekabine das Omnibook von Charlie Parker auswendig gelernt hast.

„Ja, eben, das ist doch total ungerecht!“

Yep.

„Und diese Typen, die in den Sendungen auftreten, das sind doch alles keine Künstler!“

Wow, wie hast du das erraten?

„Also, bei so einem Scheiß würde ich nie im Leben mit machen, nee, echt, boah ey…!“

Keine Angst, niemand wird dich fragen.

„Man muss den Leuten, die da im Publikum sitzen, doch klar machen, dass sie total verarscht werden!“

Nö.

„Aber unsere Musik ist doch viel wertvoller!“

Nicht für diese Leute.

„Aaaarrghh!!!“

Meinetwegen. Und jetzt hör zu (und danach ab in die Übekabine!):

Im Jazzclub Unterfahrt in München werden sich eher Menschen zusammen finden, die die Sprache „Jazz“ verstehen (wenn’s gut läuft, befinden sich sogar ein paar, die sie sprechen auf der Bühne).

Andere erreicht die Sprache von André Rieu in der Olympiahalle.

„Igittigitt“, schon klar, aber:

Ist die Freude des Olympiahallenbesuchers an den Darbietungen des Populär-Geigers (nicht die Darbietungen selbst) qualitativ eine andere als die Freude eines Jazzfans an einem John Scofield-Solo?

Haben wir irgend ein Recht, jemandem seine Freude an seiner Musik madig zu machen, welche auch immer das sein mag?

Gibt es „Premium Qualitätsfreude“ und minderwertige „B-Freude“? (OK, da fällt mir höchstens die Schadenfreude ein; die fühlt sich aber auch nicht wie pures, reines Glück über etwas für uns Wunderschönes an, weil sich immer auch ein Brocken schlechtes Gewissen mit hinein mischt – tja, sollte es zumindest…).

Brauchen wir Jazz-Nerds nicht Jahre der intensiven Auseinandersetzung mit „unserer“ Sprache, bevor wir beginnen, sie zu verstehen oder als Musiker sogar zu sprechen, und ist das nicht ein lebenslanger Prozess?

Und, mal ganz ehrlich, ein bisschen verrückt sind wir schon, oder? Auf jeden Fall aber nicht normal (gut so!).

Ist es verwerflich, dieses Zeit-Investment für eine sehr spezielle Sache zu scheuen oder schlichtweg andere Interessen zu haben?

Meine Mutter zum Beispiel ist Jahrgang 1931, ihre musikalische Sozialisation während des 3. Reiches (hat da jemand „Jazz“ gesagt?) bestand aus klassischem Klavierunterricht und dem Bremer Domchor.

Da ist es doch völlig klar, dass sie der Sprache des Herren Rieu, die ja eine Klassik-Pop-Version der Sprache Bachs, Mozarts, Beethovens, Schumanns (auch einer meiner Favoriten) etc. ist, näher steht als dem 17. Chorus John Coltranes über Giant Steps („Gegniedel“).

Und trotzdem hat sie mich Jazz studieren lassen (Danke, Mama! – …und Papa natürlich auch!) und ist eine der großherzigsten, auf ihre Art seelenvollsten Menschen, die ich kenne.

Oder so:

Einige haben eine Tageszeitung wie die ZEIT abonniert und schauen im Fernsehen am liebsten philosophische Diskussionssendungen auf Sendeplätzen nach 23:45, verstehen deren Sprache und fühlen sich pudelwohl damit (alles überaus wertvolle Menschen, klar), andere steigen da aus und fühlen sich aufgehobener beim sprachlichen und optischen Duktus der BILD-Zeitung und des Dschungelcamps (alles Vollpfosten, oder?), wieder andere lesen die SÜDDEUTSCHE und lieben alte, schön schmalzige Burt Bacharach-Songs (das wäre dann ich – ein wertvoller Vollpfosten, sozusagen).

Sage mir, welche Musik du hörst, was du liest, welches Auto du fährst, was du isst, wen du wählst, wie du deine Freizeit verbringst, wo du einkaufst…
und ich sage dir, was du mich kannst.

Jeder trägt sein Bündel an Klischees für das nächste Instant-Urteil über seine Mitmenschen und sich selber (!) mit sich herum, da geht’s mir genau wie allen anderen, denn unser Ego braucht Abgrenzung, um zu überleben.

Sie ist ein menschlicher Reflex. Und dieser Reflex ist nicht immer zielführend.

Allerdings hast du die Wahl:

Du kannst ihm blind folgen und der destruktiven Nervensäge in dir das Feld überlassen oder dir der Tatsache seiner Existenz bewusst sein und damit den Bann brechen.

Und dann?

Dann klopfst du deinem Ego-Quälgeist liebevoll auf die Schulter und…

…entspannst.

Und machst mit Dingen weiter, die dir wichtig sind, weil sie wichtig für dich sind, und das deshalb, weil sie dich glücklich machen (das ist die wahre Kunst, ein Egoist zu sein)!

Diese – und nur diese! – Dinge haben das Potential, Andere in ihrer Seele zu berühren.

Anstatt deine Energie also voller Groll, Menschenhass und Weltschmerz mit fruchtlosen Grabenkämpfen, Positionsbestimmungen und Rechtfertigungen zu vergeuden, solltest du sie im künstlerischen Segment deines Lebens (das ja nicht immer deckungsgleich mit dem Broterwerbs-Segment ist) endlich ausschließlich für deinen einzigen und wahrhaften Auftrag einsetzen:

Kunst „zur Welt“ zu bringen!

Und das im doppelten Wortsinn, sie also einerseits zu erschaffen und dann aber auch so oft es geht den Leuten vorzuführen. Als Angebot. Das ist schon alles.

Und das ist wahnsinnig viel!

Hey, in der Übekabine liegt noch das aufgeschlagene Omnibook.

Und, gib’s zu, im Flow beim Konzert neulich hast du nicht an Akquise, Zuschauerzahlen und die Gagenabrechnung gedacht, sondern nur: „M u s i k !“

Auf dem Weg nach Hause und vielleicht auch am nächsten Morgen war da dann noch so ein erfüllendes, warmes Gefühl:

Seelenruhe.

Nicht mehr und nicht weniger.

Und weißt du eigentlich, dass dich von den 19 Zuhörern, die da waren, 15 verstanden haben und ihnen deine Kreativität, ja, tatsächlich:
Freude bereitet hat?

Mission accomplished.


 

Jetzt klatscht endlich! Warum deine Kunst nicht von allen geliebt wird – und das OK ist. (Teil 2/3)
Wortgefecht: Die Amigos vs. Neil Hannon (Teil 1/2)

Volker Giesek

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