Onkel Ernst

Im Haus meiner Kindheit ist alles schön geordnet. Sogar die Generationen: Unterm Dach wohnen meine Schwester und ich, im ersten Stock unsere Eltern, im Erdgeschoss Oma und Opa (die Eltern meiner Mutter). Dann kommt der Keller, und da im hintersten Zimmer kommt “Onkel Ernst”.

Onkel Ernst ist eines der sechs Geschwister meiner Oma. Ein gelernter, aber dauer-arbeitsloser Schlosser, der, nach dem Krieg einquartiert, irgendwie dort hängengeblieben ist. Warum, weiß ich nicht genau und es ist auch egal, er ist einfach da, schon immer – und ein ziemlich schräger Vogel. Ein schweigsamer, meist stoppelbärtiger Einsiedler mit breitem Kopf und Hornbrille. Offensichtlich hat er keine großen Ansprüche an sich und das Leben. Vielleicht hat er auch einfach aufgegeben. In meiner Erinnerung trägt er die immer gleiche, breit gerippte braune Cordhose, dazu ein Flanellhemd in undefinierten Farben und darüber jahrein, jahraus seine braune, schlabbrige Strickjacke. Ein Clochard mit festem Wohnsitz, kauzig und mürrisch, aber harmlos.

Abseitigkeit inmitten geordneter Verhältnisse, das ist spannend und faszinierend! Weshalb ich Onkel Ernst, den alle nur „Ena“ nennen, häufig und gerne in seiner trostlosen, nach Schimmel, altem Mann und Hund müffelnden Keller-Enklave besuche. Ok, oft ist auch der Hund der Grund. Denn der und ich sind die dicksten Freunde, die man sich überhaupt nur vorstellen kann! Dabei wurde das Tier uns regelrecht auf‘s Auge gedrückt.

Der Hund

Eines Morgens hatte meine Oma eine herrenlose weiße Hündin am Gartentor angeleint gefunden. Meine Familie hat den weißen Spitz (ich traue mich noch nicht, “die weiße Spitzin” zu schreiben, aber es kann nicht mehr lange dauern…) kurz entschlossen bei sich aufgenommen und “Nelly” getauft. Bald schon war klar, weshalb das Tier ausgesetzt worden war: Nelly war hochschwanger, und unsere Familie nach wenigen Wochen um einen pechschwarzen Pudel-Spitz-Mischling reicher. Der schlappohrige Kerl eroberte die Herzen im Sturm. Unmöglich hätte man ihm Schmerzen zufügen und seinen Schwanz kupieren lassen können, wie es bei Pudeln üblich ist (wohin er optisch eindeutig tendierte).

So trug der wuschelige Knuddel-Bastard zeitlebens und voller Stolz den ausladenden Ringelschwanz eines Spitzes mit sich herum. Der Hund war großartig, der pure Anti-Mainstream, ich habe ihn geliebt! Sein Name war “Nazi”.

Echt, kein Witz: Nazi.

Eine Familie aus SPD-Wählern (und garantiert ohne NSDAP-Vergangenheit) gewährt 20 Jahre nach Kriegsende einem Nazi in Gestalt eines schwarzen Pudels Unterschlupf. Dafür behält die Sozialdemokratie auf ewig die absolute Mehrheit im deutschen Bundestag – das hat faust’sche Dimensionen! Jedoch waren sowohl Tier als auch Angelegenheit durch und durch unpolitisch sowie frei von Drama, das kann ich an Eides statt versichern. Wem das nicht reicht, der schaue sich als ultimativen Beweis die Entwicklung der Sozialdemokratie seit damals an.

Schuld am Namen “Nazi” war mein Onkel Hans-Dieter (der Bruder meiner Mutter). Er hat bis zur islamischen Revolution von 1979 viele Jahre in Teheran, der Hauptstadt des Iran, gelebt und dort als Ingenieur für eine internationale Baufirma gearbeitet. Im Persischen ist “Nazi” – gesprochen wird es “Nasi” – ein verbreiteter (weiblicher wie männlicher) Vorname und bedeutet “niedlich”. Und das macht ja nun im Zusammenhang mit einem jungen Hund durchaus Sinn.

Wäre Adolf Hitler bei seiner allabendlichen Lektüre alter persischer Schriften im Schein der Lesefackel auf diesen Namen gestoßen, sein Schäferhund hätte ohne Zweifel nicht auf den Namen “Blondie” gehört…

Aber ich bin sicher, niemand aus meiner Familie, einschließlich meinem Onkel, hat damals die Schreibweise des persischen Wortes für “niedlich” gekannt oder nach ihr geforscht (googeln gab’s nicht).

Jedenfalls geht während meiner Kindheit in den ausgehenden 1960er Jahren auch für mich “Nasi” komplett in Ordnung. Dabei weiß ich nicht einmal, dass “mein” Hund damit quasi auf den Namen “Niedlich” hört. Ich gehe vielmehr davon aus, dass sein Name selbstverständlich die Verniedlichung von “Nase” ist. Total plausibel: Schwarze, feuchte Brombeernase, schnupper-schnupper, einfach süß und super knuffig: “Nasi”, logo, passt.

Ich sitze also mit Nasi (ich schreib‘s ab hier mal lieber, wie man‘s spricht, ich will den Webcrawlern vom Verfassungsschutz nicht zu viel Angriffsfläche bieten…) auf dem Sofa in Onkel Ernsts Zimmer. Der Hund wird von mir gnadenlos liebkost, während Ena seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht und mit einem stumpfen Stummel-Bleistift fein säuberlich Buchstaben in die Kästchen eines Kreuzworträtsels einträgt. Jedwede Konversation verbietet sich angesichts seines hochkonzentrierten Gesichtsausdrucks.

Aber das spielt keine Rolle, ich bin bei meinem Hund und er ist bei mir.

Der Kreative

Ena lässt mich komplett außen vor, sogar, wenn er bei einem Begriff nicht weiter kommt. Klar, was könnte ein Sechsjähriger schon wissen? Halbgott der Persiden? Hülsenfrucht mit 23 Buchstaben, die letzten drei alle Ypsilons? Geliebter der Hepatitis? Abk. für Abkürzung? Allerhöchstens beim letzten hätte ich eine Chance… Aber selbst die bekomme ich nicht, denn lieber kramt Ena ein speckiges, altes Notizbuch im DIN A5-Format hervor. Es ist Teil seiner höchstpersönlich und handschriftlich angelegten (!), selbst verwalteten und gepflegten (!), alphabetisch geordneten (!) “Kreuzworträtsel-Enzyklopädie”. Mal sucht er darin nach einem Lösungswort, mal trägt er ein neu entdecktes ein. Work in Progress.

Ja, mein Onkel Ernst ist ein schrulliger, sozial gestörter, vom Schicksal gebeutelter armer Kerl. Doch er hat noch eine zweite, sehr bemerkenswerte Seite. Er ist nämlich auch: Ein Kreativer, ein Bastler und Erfinder. Seine Ideen präsentieren sich der Welt allerdings durch den Filter seiner Verschrobenheit.

Zu seinen größten Würfen zählt eine “Drachen-Steige-Lass-Maschine”, die wir an einem windigen norddeutschen Herbsttag gemeinsam auf eines der angrenzenden Felder hieven und ausprobieren. Mit ihr würde man einen Drachen mit etwas Glück und Geschick in ungeahnte Höhen steigen lassen. Dazu hat er eine Art Kabeltrommel gebaut, auf die er unzählige, über Jahre gesammelte und aneinander geknotete lange Bindfäden gewickelt hat. Am äußeren Ende dieser Leine ist der Drachen befestigt. Die Trommel ist auf eine Achse gezogen, die auf zwei U-förmigen Halterungen aus Eisen liegt. Links und rechts an der Trommel sind Handgriffe angebracht. Man kann also kurbeln, entweder, um mehr Leine zu geben und den Drachen steigen zu lassen, oder um ihn wieder Richtung Boden zu manövrieren. Der Clou ist jedoch, dass Trommel und Achse mittels eines zweibeinigen Gestells auf dem Boden ruhen. Das Ganze ist also, entgegen den Gepflogenheiten beim Drachen-Steigen-Lassen, für den stationären Einsatz konzipiert. Daher hat Onkel Ernst auch einen ausrangierten alten, großen und sehr bequemen Fahrradsattel mittels Weiß-der-Geier mittig hinter der Trommel an dem Gestell angebracht, in Reichweite der Griffe. Ähnlich wie bei einem Fahrrad, sitzt der Sattel auf einem Rohr, welches hier allerdings in einem breiten Fuß mündet. So hat die Gesamt-Konstruktion stabilen dreibeinigen Stand. Damit schlägt mein Großonkel zwei Fliegen mit einer Klappe: Er kann einen Drachen so hoch steigen lassen, wie es mit gängigem Equipment niemals möglich wäre und obendrein braucht der alte Mann sich dafür keinen Zentimeter vom Platz zu bewegen. Genial!

Der erste Einsatz der Vorrichtung glückt, beim zweiten zerrt der böige Herbstwind so stark am Faden, dass er reißt. Der Drachen endet zerfetzt hoch oben in einer der Pappeln des Nachbargrundstücks. Die “Maschine” wird nie repariert. Onkel Ernst hat keine Zeit und wohl auch keine Lust. Er hat nämlich schon das nächste Groß-Projekt im Visier:

Ein Treppenaufgang samt Geländer, durch den Spaziergänger sicherer und bequemer auf den Deich bei unserem Haus gelangen können, als es über die unbefestigte Böschung der Fall ist. Idee, Konzept, Bauleitung und Ausführung liegen komplett in Enas Hand. Er verbringt Tage damit, Stufen in die Grasnarbe zu schlagen, sie mit Holzpflöcken zu befestigen, Äste für die Stützpfähle des Geländers sowie den Handlauf zu beschaffen, zuzusägen und abzuschleifen (es soll ja niemand mit einem Splitter in der Hand enden). Leider wird sein altruistischer Einsatz zwar von Vielen, nicht jedoch vom Bremer Ordnungsamt gewürdigt, weshalb er sein Konstrukt dann auch nach enttäuschend kurzer Zeit, zügig und unter Androhung einer saftigen Geldstrafe, wieder aus dem öffentlichen Raum entfernen muss.

Undank ist mitunter der Welten Lohn.

Und aller Kreativen.

Das Geschenk

Nur zu besonderen Anlässen verlässt Onkel Ernst sein Refugium im Souterrain und steigt an die Oberfläche der Welt zum Rest der Menschheit empor. So ein Anlass ist auch der Heiligabend 1971. Ich bin mittlerweile acht Jahre alt. Die Bescherung tobt. Ich war schon dran und liege, komplett in meinen nagelneuen Märklin-Stahlbaukasten versunken, bäuchlings unter dem Tannenbaum. Da beugt sich meine Mutter zu mir herunter und bittet mich in sehr feierlichem Tonfall, mein Spiel kurz zu unterbrechen, denn Ena hätte noch ein Geschenk für mich. Wow! Noch nie gab es ein Geschenk von Onkel Ernst. An keinem Geburtstag, an keinem Weihnachten, Ostern sowieso nicht. Und das ist auch in Ordnung, schließlich ist er ein armer Mann. Außerdem steht er für Isolation und liebenswert-kauzige Kreativität, sicher nicht für Weltgewandtheit und glitzernden Konsum. Dieses Mal jedoch muss er zunächst eisern gespart haben und dann über seinen Schatten gesprungen sein, mitten hinein in die zur Vorweihnachtszeit übervölkerte Spielwarenabteilung eines der großen Bremer Kaufhäuser. Denn er überreicht mir, stolz und selbst ein wenig aufgeregt, einen in Geschenkpapier verpackten Karton. Der ist immerhin so groß, dass ich beide Arme brauche, um ihn in Empfang zu nehmen.

Ich packe aus. Es ist eine Modelleisenbahn. Nie hätte ich mir eine gewünscht. Sie ist auch nicht von Märklin, wovon Modelleisenbahnen in meiner kindlichen Vorstellung zu sein haben, sondern von einer Marke, die kein Mensch kennt. Vor allem ist die Spurbreite anders, als ich sie von den Anlagen meiner Freunde (bzw. ihren Vätern) kenne. Diese Schienen hier sind viel zu breit, geradezu riesig. Im Karton liegt eine klobige Lok und zwei Personenwagen, gleich drei fetten hässlichen Entlein. Dieses Set ist für Vorschulkinder. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, bedanke mich artig und willige ein, als Ena, euphorisch von meiner Mutter unterstützt, vorschlägt, sie gleich einmal auszuprobieren. Die Strecke ist schnell aufgebaut: Ein Oval. Ich weiß nicht, ob man sie durch den Zukauf weiterer Elemente noch ausbauen könnte, aber darauf kommt es auch nicht mehr an. Diese Modelleisenbahn hat bei mir bereits verkackt, bevor der erste Zug den nicht einmal vorhandenen Bahnhof verlässt. Nie werde ich sie ins Herz schließen. Erst bin ich enttäuscht und wütend. Im nächsten Moment schäme ich mich für meine Undankbarkeit, und es befällt mich eine unergründliche, diffuse Mischung aus Fremdscham und tiefem Mitleid mit Ena. Ein bleierner Schleier legt sich über mein kindliches Gemüt. Gefühls-Premiere! Ich bin todtraurig, auf eine allumfassende und bodenlose Weise. Ist das Weltschmerz? Wir schauen schweigend zu, wie der monströse Zug ein paar Runden dreht…

Dann gibt es Essen, zum Glück!

Weltschmerz abgeblasen, statt dessen Toast und Lachs bis zum Abwinken, wie immer an Weihnachten. Onkel Hans-Dieter hat auch dieses Jahr was springen lassen.

Nach dem Abendessen kehren Ena und ich nicht mehr zur Eisenbahn zurück. Am nächsten Morgen baue ich sie ab und verstaue sie im Karton.

Ich rühre sie nie wieder an.

Der Erfolg

Spät zwar, aber nicht zu spät, werden Onkel Ernst, seine sehr besonderen Ideen, Groß-Basteleien und sogar das missglückte Geschenk dann doch noch ein Erfolg.

Sie tun es genau hier und jetzt, denn ich wollte darüber schreiben – und du hast es gelesen.


Das Vermächtnis

1.

Freiheit, Kreativität und Glück liegen im Rahmen deiner Möglichkeiten. Du kannst ihn von innen erweitern, aber nie erfolgreich verlassen.

2.

Eher sollte Erfüllung Erfolg sein als Erfolg Erfüllung, denn Erfolg liegt mitunter nicht in deinen Händen, Erfüllung liegt dort immer.

3.

A dog is a man’s best friend.

🐕‍🦺
Lauschen

Volker Giesek

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