Es ist Samstag Morgen. In einer Woche veröffentliche ich einen neuen Song. Im Kalender steht: Release vorbereiten.

Doch ich bin in einem Dilemma und heillos überfordert.

Neue, eigene Musik zu produzieren und zu veröffentlichen empfinde ich gerade als schwieriger denn je.

Für gewöhnlich genieße ich es und es macht mir die allergrößte Freude, der Welt meine Songs zu zeigen. Aber jetzt tobt ein Krieg in der Ukraine, der viele unschuldige Menschen vor Ort betrifft (wie jeder Krieg), der aber auch gravierende Auswirkungen auf das übrige Europa, die Welt, auf dich und mich hat (wie nicht jeder Krieg). Dabei ist er so nah, so medial omnipräsent, dass wir uns ihm nicht entziehen können.

Wie soll das also funktionieren? Kinder, Frauen, Männer sterben – und ich präsentiere einen swingend-ironischen Jazz-Song, echt jetzt?

Familien fliehen mit nichts weiter als zwei Plastiktüten und einem Rucksack aus ihren vernichteten Existenzen, Raketen schlagen in Wohnblocks und Krankenhäuser ein, Finger schweben über roten Knöpfen, der Dritte Weltkrieg ist eine Option, obwohl er keine Option ist, im Wirtschaftskrieg befinden wir uns längst, der Countdown zum Cyber-War hat begonnen – und ich singe über den sympathischen Beziehungs-Underdog von nebenan?

Obwohl ein langer politischer Prozess vorausging, sind es gefühlt nur ein paar Tage, innerhalb derer gerade ein halbes Jahrhundert Friedenspolitik, das Bemühen um Abrüstung, Atomwaffenverbot, die Möglichkeit von Pazifismus als Grundhaltung, Wandel durch Handel, kurz: das Weltbild Vieler (auch meines) zum Teufel gejagt wurde – und ich präsentiere Musik, die all das weder betrauert noch einordnet, ja nicht einmal thematisiert? Meine Musik, in der ich mich selbst verwirkliche, ja, auf die ich stolz bin, aber deren Relevanz für die Welt beim ehrlichen Blick auf die Analytics in keinem Verhältnis zu den aktuellen Ereignissen und Bildern steht. Oder doch?

Sieht so Dienst an der Menschheit in finsterer Stunde aus?

Ich sage: Ja! Zum Beispiel genau so sieht er aus!

Denn Musik ist die Antithese zum Wahnsinn, der die Welt befällt.

Wir müssen all ihre Spielarten trotzdem und dringender denn je präsentieren. Unbeirrbar. Als Beleg für die Existenz jener freien, friedvollen und weltumspannenden Sphäre, die Kreativität und Kunst hervorbringt. Jeder Song beweist unwiderlegbar, dass diese Sphäre existiert und potentiell jedem jederzeit zur Verfügung steht; jedes Solo versichert fest, dass sie nicht vergessen ist; jeder Songtext und jedes Arrangement gibt ein leuchtendes Beispiel, was dem menschlichen Hirn anderes entspringen kann als Vakuumbomben, Chemiewaffen und Angriffskriege. Sicher, wo Licht ist, ist auch Schatten. Was wir auf diesem Planeten auch anstellen, weder Mut noch Verzweiflung werden sich aus dem Universum verabschieden (selbst wenn es die Menschheit eines Tages tut). Ich allerdings bevorzuge es, wann immer die Verzweiflung mich lässt, Mut zu haben und zu machen. Wenn es nicht anders geht, auch den Mut der Verzweiflung.

Ich hatte das Glück, in den letzten zwei Wochen von den gelockerten Corona-Maßnahmen bei Musikveranstaltungen zu profitieren. Ich habe mit Anna Leman (voc) und Janine Schrader (sax, fl) eine schöne, entspannte Geburtstagsfeier sehr netter Leute im Schwarzwald musikalisch mitgestaltet. Ebenfalls ein Fest war es mir, mit Ecco DiLorenzo & Innersoul in Haimhausen im Auditorium der Bavarian International School vor einem kleinen, aber dankbaren und begeisterungsfähigen Publikum von ca. 50 bis 60 Leuten spielen zu dürfen. Schließlich war ich zwei Mal auf der Stadtteil-Kulturbühne Interim in München-Laim: Nach dem Konzert mit meinen Kollegen und Freunden von Lemon Crash habe ich noch beim Jazzquartett Fingerprints ausgeholfen.

Musizieren mit den richtigen Leuten und einem Repertoire, das einem liegt, macht immer Spaß, besonders wenn man so lange auf Entzug war.

Aber Musikmachen ist viel mehr: Die Erfahrung der Ruhe im Auge des Hurrikans, Fokus auf etwas Erfüllendes und Schönes. Es ist Therapie, Wellness, seelische Auszeit, ein Fenster in die Ewigkeit, im Grunde ein Gottesdienst. Musik liebt dich immer zurück, wenn du sie gut behandelst. Sie lügt nicht, betrügt nicht, scheißt dich nicht an. Sie führt nichts Böses im Schilde, vielmehr ist sie ein in Sekundenbruchteilen hochfahrender, undurchdringlicher persönlicher Schutzschild, der nicht verschleißt. An die täglichen Bilder des Elends kann nicht denken, wer gerade in einen Groove, ein Thema, eine Improvisation versunken ist oder aufmerksam zuhört.

Als Harmonielehre-Dozent weiß ich: Musik ist berechenbar, hier ist alles am Platz. Wer sich ihr hingibt, betritt ein Gebäude von bestechender Logik. Auf das, was ihre Welt im Innersten zusammenhält kann man sich 100%ig verlassen und sie stiftet grenzenlos Gemeinschaft, bei Lernenden und Lehrenden, Zuhörerinnen und Zuhörern, den Musizierenden selbst.

Und das soll die Welt nicht brauchen? Ausgerechnet jetzt?

Pah!

Wir sollten uns von niemand – nicht einmal von uns selbst! – einreden lassen, dass unser Beitrag als Musikerin oder Musiker gerade unpassend ist, keine Rolle spielt und wir jetzt lieber schweigen sollten.

Das Gegenteil ist der Fall.

Denn wir machen Musik!

Mach sie gut und du machst Hoffnung.



Beitragsbild von Engin Akyurt auf Pixabay

Abschiedsbrief

Volker Giesek

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