Ich bin ein Boomer (*1963) und habe mich schuldig gemacht.

Auf dem Artikelbild siehst du mich in den frühen 1970er Jahren, offensichtlich hin- und hergerissen zwischen Handballtor und Klavier.

Boomer wie ich sind analog sozialisierte Wesen, die erst als junge Erwachsene zwangsdigitalisiert wurden. Manche von uns sind besser, manche weniger gut damit zurecht gekommen. Die eine hat ihre Notizen in der Notizen-App ihres Smartphones im ständigen Zugriff, der andere die seinen als Knüllzettelwirtschaft in der Hosentasche. Beides funktioniert.

Ich gehöre eher zu denen mit der App.

Bereits in den 1970er Jahren wurde ich sanft auf die Digitale Revolution vorbereitet. Mit Taschenrechner, Digitaluhr sowie der Transformation vom Wählscheiben- zum Tasten-Telefon (mit den zunächst funktionslosen #- und *-Tasten!).

Auch bemaß sich für mich als Kind die Qualität eines Restaurantbesuchs weniger an der des Essens (Hauptsache Currywurst oder Schnitzel mit Pommes!), sondern daran, ob irgendwo eine Videotennis-Konsole („Pong“) stand, vor die ich mich gleich nach dem Essen mit ein paar von Mama und Papa geschnorrten Markstücken verdrücken konnte. Was habe ich sie geliebt!

Also die Konsole jetzt.

Mama und Papa natürlich auch. Nicht nur wegen des Currywurst-, Schnitzel- und Zocker-Budgets. Auch, weil sie neben meiner Abhängigkeit von panierter Currywurst im Pommesmantel früh meine Tendenz zur Pong-Sucht erkannten. Und umgehend reagierten, indem sie mir zum Geburtstag ein mechanisches Videotennis-Tischgerät aus Plastik schenkten. Damit haben sie mich und meine Gang – ich habe sie immer euphemistisch Freunde genannt – zwar kurzfristig vor Spielhalle und Beschaffungskriminalität bewahrt. Das Gerät hielt jedoch der Dauerbelastung unter Missbrauch sämtlicher mechanischer Komponenten durch eine Rotte enthemmt pubertierender Jugendlicher nicht lange stand, und der finale Matchball war schnell geschlagen.

Doch mein Schicksal war längst besiegelt.

Unrettbar für eine bürgerliche Existenz verloren, fiel ich der Spielsucht anheim. Allerdings der auf allem, was Klaviertasten hat. Immer noch bin ich süchtig nach Musik und lebe dafür und davon, mehr Risiko geht nicht.

Wobei ich als Musiker noch nie in Spielhallen, aber schon oft in Hallen gespielt habe.

Neulich war ich mal wieder bei einem der erwähnten Freunde von damals. Wobei er nicht nur ein Freund von damals, sondern vor allem ein Freund von heute ist, und zwar mein ältester und bester. Andy und ich sind fast gleich alt, kennen uns, seit wir zehn Jahre alt sind, und besuchen uns regelmäßig. Wir haben während unserer Jugend nicht nur Pong auf der Tischkonsole aus Plastik miteinander gespielt, sondern ganz viel Musik zusammen gemacht, entdeckt, geschrieben, gehört, gefeiert. Wir hatten eine Band, wir waren ehrgeizig, wir wollten etwas von der Musik. Es waren prägende Jahre.

Andy hat Musik dann zwar nicht zu seinem Beruf gemacht, aber sie ist für ihn lebensbegleitend geblieben, genau wie für mich. Er kennt sich gut mit Tontechnik aus (viel besser als ich) und hat ein ansehnliches kleines Heimstudio. Dort produziert er engagiert seine eigene Musik. In letzter Zeit arbeitet er mit verschiedenen internationalen Sängerinnen und Sängern zusammen, die er über den Dienstleistungs-Service Fiverr bucht. Hier kannst du dir anhören, was Schönes dabei herauskommt.

Bei meinem letzten Besuch hat Andy mir neue Software gezeigt, und ich habe nicht schlecht gestaunt. Natürlich ist einiges passiert, seit in den 1980er Jahren das Sampling Einzug in die Musikproduktion gehalten hat. Nicht nur sind die verrauschten, aber charmanten ultrakurzen 8-Bit-Samples der Anfangsjahre schon lange erwachsen und aus ihnen 1:1 HiFi-Kopien aller möglichen und unmöglichen Instrumente und Soundscapes geworden. Nein, wir sind schon viel weiter: Mittlerweile generiert der Algorithmus bereits aus einer eingespielten Akkordspur eine Bassline in Studioqualität inclusive geschmackvoller Phrasierung, Artikulation, stilistisch passenden Variationen etc.. Natürlich mit frei wählbaren Bass-Sounds. Das Ergebnis klingt tatsächlich ein bisschen wow, so, als wäre ein sehr guter Studio-Bassist am Werk. Zwar dürfen die Akkorde nicht zu komplex sein, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Ergebnis auch bei Bb13(b9#11), Eb/E und Konsorten überzeugt.

Bei einem anderen seiner Songs fiel mir die interessante Akkord-Sequenz auf, auf der der Track basiert. Die Lorbeeren dafür mochte Andy aber nicht einheimsen, denn die Akkordverbindung und die Voicings waren nicht von ihm. Die kompletten acht Takte waren extern „vorkomponiert“. Natürlich kann man alles noch feintunen, um es an den jeweiligen Song anzupassen.

Die sehr schöne und eingängige Melodie geht aber komplett auf seine Kappe, das sollen hier alle wissen.

Wir haben dann ein wenig diskutiert und waren uns einig, dass wir es auf der einen Seite total faszinierend finden, was technisch bereits möglich ist. Aber uns auch die Frage stellen, wo diese Entwicklung hinführt und ob das ein schöner Ort ist.

Dazu fällt mir gleich dieser bemitleidenswert unsympathische, bleiche und baseballbecapte, etwas asselige Typ ein, der mir in letzter Zeit viel zu oft während der obligaten YouTube-Werbebelästigung auf den Zeiger geht und mir ein Midi Chord Pack verkaufen will. Damit du verstehst, warum ich ihn hier unbedingt dabei haben will, ist es am einfachsten, ich zitiere ihn und seine ebenfalls in dem Video auftretenden Assel-Kollegen – ich tue dies willkürlich lückenhaft, vorsätzlich unakademisch, mithin doktortitelvernichtend. Dafür jedoch wörtlich und voller Liebe.

Achtung! Bist du vom Fach? Denkst du darüber hinaus bei Worten wie Musik, Musikerin, Arrangeur, Komponistin oder Produzent in analogen Boomer-Kategorien? Schön, denn dann wirst du die Zitate sehr lustig finden. Wenn sie dir unter den selben Voraussetzungen absolut kein Schmunzeln entlocken können, bist du ein über die Jahre hoffnungslos desillusionierter, grummelig gewordener Musik-Misanthrop und Kultur-Pessimist. Solltest du ohne jegliche Voraussetzung nicht darüber schmunzeln können, bist du einer der Jungs aus dem Video.

Ich zitiere nunmehr die Protagonisten des Werbevideos der Firma Unison für ihr Midi Chord Pack:

„I got an Email from this company, Unison., and they were like ‚Yo, check out this Midi Chord Pack, and I was like ‚Nah, I don’t use Chord Packs, ‚cause I put together my own chords‘. They’re like ‚Yo, just check it out, trust me.‘ Then I checked it out, and I was like ‚YO! WHAT?‘ They got chords for every single key that you can have. C, C sharp, D, D sharp, E and so on. It’s pretty insane what they put together here. (…) They have diatonic triads, they have advanced progressions, they have minor progressions, ok, they’re really throwing in a lot of things here.“

„And this is super good for you, especially if you struggle with making melodies…“

„I take a random chord progression and see, just drag it in and see what it sounds like.“

„It’s literally just drag and drop.“

„Okay, I drag it over to the sequencer, and boom!, look at that. I didn’t even play anything on my keyboard and it gives me chords. Let’s see what they look like. Ooh! Wow! Now, allright, these are chords I never would think to come up with by myself, cause I don’t know enaugh chords, that’s the problem.“

„(…) You can drag in a progression, drag in an individual chord, yeah, it makes life so much easier, I made this beat in like 25 minutes.“

„That is how you make a track without knowing anything about music theory, and you can use any chord.“

Das müssen wir jetzt erst einmal ein bisschen sacken lassen, denn die Schutzschaltung meines Hirns hat gerade zu dessen automatischer Abschaltung geführt. Wahrscheinlich, um das darin gespeicherte, jahrzehntelang aufgebaute Wissen über Musiktheorie vor der Komplett-Löschung zu bewahren…

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Ok, die Gefahr scheint vorüber, mein Gehirn fährt langsam wieder hoch…

Wird sich Kreativität bei der Musikproduktion bald darauf beschränken, Regions mit extern vorgefertigten Inhalten in der DAW (Digital Audio Workstation) hin- und her zu schieben, höchstens mal hier etwas zu muten und dort die Kickdrum aus dem Sunset-Drumkit durch die aus dem Liverpool-Kit auszutauschen?

Ich muss gestehen, ich sitze mit mindestens einer Arschbacke im Glashaus und werde mich hüten, hier ausschließlich die moralische Keule zu schwingen. Mit der müsste ich mir nämlich als erstes selbst eins drüber ziehen. Denn – Achtung, Beichte! – ich liebe die in Logic (der DAW meiner Wahl) eingebauten Drummer Benny, Kyle, Rose, Logan und all die anderen! Spezialisiert in einer bestimmten Stilistik machen sie ihren Job absolut umwerfend! Ich habe noch diverse Bücher aus meinen Anfangsjahren über die Programmierung von Drum Grooves und Drum Machines im Schrank. Dieses Wissen braucht heute niemand mehr, um auf elektronischem Weg Musik zu machen.

Ist das gut? Ist das schlecht? Ist das ungerecht?

Nun, vor allem ist es eine Tatsache.

Die in Logic von Drummer Benny und seinen Kolleginnen und Kollegen angebotenen Grooves sind für mich eine große Inspiration beim Songwriting. Das Interface ist gelungen und die virtuellen Schlagwerker sind super einfach zu bedienen. Selbst Boomer können damit zügig einen kompletten Song gestalten.

Auch vorgefertigte und passend mit Plug-Ins bestückte Kanalzüge habe ich zu schätzen gelernt. Ich habe nämlich absolut keine Ahnung von Tontechnik, bekomme es aber hin, den Kanalzug „Male Lead Vocal“ zu laden, wenn ich als Mann meinen Lead Gesang klanglich verschönern will. Volker, du bist ein Genie.

Der Song, den ich diesen Monat veröffentliche, ist aus purer Neugierde an den Sounds und Grooves des Electronic-Templates von Logic entstanden. In so einer Vorlage (Template) sind bereits zueinander passende Spuren für eine bestimmte Stilrichtung angelegt, und man kann gleich loslegen. Eigentlich ist Trance und Techno nicht meine Welt, aber ich hatte die Idee, das Fremde mit dem mir Vertrauten zu kombinieren. So habe ich ein paar Jazz-Voicings dazu gepackt, die gerade unbenutzt in der Ecke herumlagen (jedes davon selbst gewusst und selbst gespielt!), und siehe da, am Ende ist daraus der Song Fake (und keiner ahnt was) entstanden, den du dir hier anhören kannst. Im Digitalen Booklet zum Song kannst du dir in einem kurzen Video anschauen, wie ich dem Gitarristen Stefan Puppele meine Voicings für die Strophe erkläre.

Für die authentischen Shouts und Kommentare („This is how we like to do it.“,“To the flow!“, „Are you ready for this?“ etc.) war niemand im Studio (gib es zu, du hast es geahnt). Vielmehr habe ich ein „Instrument“ geladen, in dem sie mir über die gesamte Klaviertastatur verteilt zur Verfügung standen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich mich für die Auswahl, die jetzt im Song zu hören ist, entschieden hatte. Es hat einfach zu viel Spaß gemacht, immer wieder andere Shouts zur laufenden Musik abzufeuern. Zugegeben, beizeiten ist Herr Giesek ein arger Kindskopf.

Im Studio haben wir „für alle Fälle“ eine Version mit live gespieltem Bass und Schlagzeug aufgenommen. Die war richtig cool. Beim Mixen habe ich mich dann aber trotzdem für die (bis auf die E-Gitarre) rein “maschinelle“ Version entschieden. Ich finde, so passt es besser zum Thema des Songs: (fast) alles künstlich, Fake halt. Keyboards und Bass-Part habe ich tatsächlich old school „händisch“ im Sequenzer eingespielt.

Nichtsdestotrotz ist meine Mitschuld am schleichenden Ausverkauf des analogen Musizierens nicht zu leugnen.

„That is how you make a track without knowing anything about music theory, and you can use any chord“ ist so gar nicht mein Ansatz.

Aber das ist nicht schlimm.

Zum Glück kann man auch mit ziemlich viel Ahnung von Musiktheorie jeden Akkord benutzen und einen Track machen.


Klicke hier, um den Song auf Spotify zu streamen.

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Klicke hier, um im Digitalen Booklet mehr über die Entstehung dieses und der anderen Songs meines Albums zu erfahren.

Was deine Musik mit dem Krieg zu tun hat

Volker Giesek

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