I.

Da waren sie wieder, diese nutzlosen Gedanken:

„Endzeitstimmung. Die grundlegendsten Regeln des Anstands und des menschlichen Zusammenlebens sind bereits ausgesetzt, Apokalypse Now!“

Natürlich war das übertrieben, aber diese Art von Sarkasmus hatte Jonas schon oft gerettet. Aus den Stimmungskratern, die sein Beruf neben all den großartigen Momenten nun einmal mit sich brachte. Doch dieses Mal klappte es nicht. Vielmehr war er dabei, den Halt zu verlieren und für eine Weile im Dunkel eines Schlundes zu verschwinden. Das war nicht lustig. Jonas nahm die Hände von der Computertastatur, ließ sich im Stuhl zurücksinken und blickte aus dem Fenster.

Negativität war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte. Wann konnte er die jemals gebrauchen, wo es doch darum ging, kreativ zu sein und anschließend die Ergebnisse seiner Kreativität bestimmten Leuten zu präsentieren, damit diese ihm dann die Möglichkeit boten, sie vielen noch ganz anderen Leuten zu zeigen? Das war nun mal der Kern seiner Existenz, was sollte er machen?

Das Bild eines mit tausenden Schwarzlicht-Glühlampen geschmückten Riesen-Hamsterrades (oder war es ein Hamster-Riesenrad?) auf einer Höllen-Kirmes erschien vor seinen Augen. Und er strampelte darin alleine auf einer lebenslangen Freifahrt. Da gab es weder Fortkommen noch Ankommen. Statt dessen ein ständiges Da Capo, ohne Fine, ohne Coda – Sisyphos working.

Zum Glück war er vorbereitet und wusste, was zu tun war. Nicht umsonst hatte er die Meditations-App heruntergeladen und die ersten Lektionen bereits absolviert. Wobei, wenn er ehrlich war, war absolvieren nicht das richtige Wort. Vielmehr befand sich immer allzu schnell ein wohlig warmer, moosweicher Marshmallow anstelle seines Kopfes, und er hatte sich jeweils nach nur wenigen Minuten in Richtung Power-Nap verabschiedet.

Trotzdem, und vielleicht ja sogar im Schlaf?, hatte er den Kern der Sache verstanden, da war er sich sicher.

II.

Jonas schloß die Augen und konzentrierte sich auf seinen Atem. Einatmen – ausatmen, einatmen – ausatmen, noch einmal…, erstaunlich einfach.

Dann wanderte er mit seiner Aufmerksamkeit wie mit einem Scanner langsam von oben nach unten durch seinen Körper. Vom Kopf abwärts über Hals, Schultern, Oberkörper und Arme, anschließend über das Becken die Beine hinunter.

Als er schließlich bei den Füßen ankam, wußte er zwar aus Erfahrung, dass da unten in diesem Augenblick ein Paar sein mussten, aber sie schienen sich ins Unmanifeste verflüchtigt zu haben. Als seien sie zu Pfützen zerronnen, verschmolzen mit Schuhen und Teppich.

Aber das war ein gutes Zeichen. Dafür, dass er tatsächlich zur Ruhe gekommen war. Auch hatte er seit Beginn der Meditation keinen negativen Gedanken mehr gehabt.

Gut.

Er war jetzt bereit für den wichtigsten Teil, den heiligen Gral: Die Absolution.

In seiner Vorstellung poppte eine sanft auf und ab schwebende Denkblase auf: „Alle Gedanken sind wie Wolken, die vorüber ziehen, bringe auch den negativen unter ihnen keinen Widerstand entgegen, lediglich beobachten, nichts bewerten.“

Mmmh, das tat gut. Alles in Ordnung mit ihm, er durfte die Gedanken von vorhin haben. Was genau waren das noch mal für Gedanken?

„Endzeit, Booking, Ignoranz…“, erschien in der Denkblase, deren Hinweiskreise (die anzeigten, wer hier dachte) sich langsam ausdehnten. Sie wuchsen ineinander und formten schließlich einen keilförmigen Hinweisstrich, der genau auf Jonas‘ Kopf deutete.

Aber war das wirklich der Kopf von Jonas?

Nein, die Spitze des Strichs zeigte auf den Kopf von etwas, das einer berühmten amerikanischen Comic-Ente mit Präsidentenvornamen nachempfunden zu sein schien.

III.

Die Ente starrte ihn wütend und grimmig an. Ihre Richtung Boden durchgedrückten Arme endeten in geballten Wutfäusten. Über ihrem Kopf materialisierten sich dichte, schwarze Rußwolken. Längst waren die Worte in der Denkblase ersetzt durch ein grollendes „GRRRR!“ in Großbuchstaben.

Diese Ente war nicht gekommen, um den Schnabel zu halten, das war mal klar. Sie wollte Blut sehen, sie wollte Aufruhr, Rache und Freiheit für die Hamster!

Schon schnatterte sie aufgeregt: „Es reicht!“

„Ja, genau!“, bestätigte Jonas, ohne genau zu wissen, worauf sie hinaus wollte.

„Irgendwann ist es genug!“

„Ach, Quatsch, nicht irgendwann, jetzt!“ Endlich war wieder Leben in der Bude!

Die Quäkstimme der Ente überschlug sich fast: „Ich bin stinksauer!“ Dann aber wich alle Anspannung aus ihrem Körper und sie fügte ermattet hinzu: „Und ich bin gezeichnet, ja, gezeichnet bin ich.“

Ja, klar bist du gezeichnet, dachte Jonas, du bist eine Comic-Ente.

„Gezeichnet von der Sinnlosigkeit, der Trostlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit, davon, eine Booking-Ente zu sein.“

„Booking-Ente? Was soll das denn sein?“, wunderte sich Jonas jetzt wieder laut.

„Eine Booking-Ente macht Booking, das sagt doch schon der Name. Ihr Verhalten jedoch ist widersprüchlich und komplex.“

„Ist das nicht unser aller Verhalten? Permanent?“

„Lass es mich mit einer Metapher erklären: Die Booking-Ente betritt mit einem Lächeln und einem fröhlichen ‚Hallo!‘ einen Raum voller Menschen und erwartet jetzt selbstverständlich…“

„…dass da jemand zurück grüßt, weil sich das so gehört“, ergänzte Jonas. Er wusste, was jetzt kam.

„Ja, klar. Aber keiner sagt was zu ihr, die ignorieren sie komplett. Oder lassen sie zumindest nicht wissen, ob sie überhaupt wahrgenommen wurde, was aber für die Booking-Ente beides auf das gleiche hinaus läuft. Nämlich auf das miese Gefühl, ignoriert zu werden und einfach überhaupt keine Rolle zu spielen. Und dann wird die Booking-Ente traurig, sehr, sehr traurig. Und dann auch wieder richtig wütend.“ Ihre Miene verdunkelte sich.

„Ja, das kenn ich, die Sache mit dem Feedback.“

„Dem nicht vorhandenen Feedback, grrrrr.“ Die Ente plusterte sich auf. „Du schickst ein Killer-EPK durch die Gegend, Musik, Videos, Fotos, Infotexte, Bios, Homepage, alles am Start und vom Feinsten. Aber wie du so gespannt in die Stille hinein horchst, ist das einzige, was du nach mehreren Monaten, manchmal Jahren, quälender Nachfragen zu hören bekommst, ein erbärmlicher, verspäteter und verdruckster Altherrenfurz. Und das auch nur eventuell.“

„Oder Altdamenfurz“, gab Jonas zu bedenken, „lass uns das mal lieber gendern, sonst regt sich wieder jemand auf.“

Die Ente hatte ihn vor lauter Aufregung ihrerseits gar nicht gehört. „Und das Verrückte daran ist, so eine Booking-Ente macht immer weiter, obwohl der Ertrag in keinem Verhältnis zum Aufwand steht und ihre Psyche leidet.“

„Nicht aufgeben,“ versuchte Jonas zu trösten, „man sagt doch, steter Tropfen höhlt den Stein.“

„Ja, steter Tropfen höhlt den Stein, dumm nur, wenn dieser Stein irgendwann dein eigener Kopf ist: leer, aber schwer vom Booking-Frust. Nur noch ein dumpfer, hohler Klumpen.“

Ein paar Sekunden sagte keiner etwas.

Die Booking-Ente war offensichtlich am Ende. In doppelter Hinsicht.

Sie tat Jonas leid. Aber Mitleid führte hier nicht weiter.

IV.

„Jetzt sei nicht so weinerlich, du zerfließt ja geradezu vor Selbstmitleid. Als wüsstest du nicht selber, ob das, was du machst und anbietest Hand und Fuß hat, dazu braucht es doch keine externe Jury aus verhaltensgestörten Rübennasen!“

„Ok, aber das ist es ja nicht alleine.“

„Aha, und was ist es noch?“

„Irgendwie ist nichts mehr, wie soll ich sagen?,… nachhaltig.“ Die Ente schaute mit glasigen Augen in eine unbestimmte Ferne.

Jonas wusste zwar nicht, warum sie das Thema wechselte, aber es sollte ihm Recht sein. „Wie kommst du denn darauf? Ich sage nur: Ökostrom, Windkraft, Bio-Landwirtschaft ohne Kunstdünger, mit freilaufenden Glücks-Hühnern. Außerdem hatten wir in Bayern gerade ein erfolgreiches Volksbegehren für die Bienen, schon vergessen?“

„Mann, worüber reden wir? Nichts ist nachhaltig beim Booking!“ Die Booking-Ente wurde laut. „Wie willst du dir etwas aufbauen, wenn nur gefühlt 0,25 % von denen, die du kontaktierst, alle Bedingungen erfüllen, um ein Konzert als professioneller Veranstalter mit dir als professionellem Musiker zu planen?“

„Und die grundlegende Bedingung wäre, dich wahrzunehmen und nicht zu ignorieren, da hast du allerdings Recht“, sagte Jonas.

„Damit fängt es an. Ein professioneller Veranstalter muss kommunizieren. Er muss dem Künstler seine Entscheidung für oder gegen ein Engagement mitteilen. Oder wann mit ihr zu rechnen ist. Bei negativem Bescheid soll er Gründe nennen. Der Künstler muss wissen, ob es Sinn macht, noch einmal anzufragen und wann das idealerweise zu geschehen hat.“

Jonas seufzte: „Ja, ja, vor allem als Newcomer oder unbekannter Act muss da schon einiges zusammenkommen: Wo ist jemand, der auf meine Musik steht und einen Veranstaltungsort betreut, an dem sie ins Programm passt? Der ein Stammpublikum hat, das auch offen für No-Names ist, weil es auf die Auswahl des Veranstalters vertraut? Eventuell muss er auch ein Budget haben, um Anfahrt und Übernachtung zu bezahlen.“

„Du hast vergessen, eine faire Gage zu erwähnen“, brummte die Booking-Ente. „GRRRR! Und an jedem dieser rar gesäten Veranstaltungsorte spielst du dann genau ein Mal!“

„Wieso?“, wunderte sich Jonas. „Wenn du gut performst und deine Show Veranstalter und Publikum gefallen hat…“

„…kommen erst mal die 400 anderen auf der Warteliste dran. Ein Musikclub oder Festival bekommt nicht selten 300 Konzertangebote pro Monat“, schnauzte die Ente.

„Siehste, kein Wunder, dass man manchmal den Eindruck hat, für die sind Anfragen wie nervige Push-Mitteilungen, die keiner bestellt hat und bei denen der Unsubscribe-Button fehlt. Vor allem, wenn nur Ehrenamtliche am Start sind, um das alles zu sichten.“

„Verräter! Jetzt hast du auch noch Verständnis! Wo ist mein Stück vom Kuchen, Mann?“ Ihre Entenfüße tremolierten auf dem Boden.

„Erst denken, dann quaken! Wenn offensichtlich schon so wenige Menschen auf der Welt Live-Musik brauchen, kannst du dir vorstellen, wie wenige dann erst weinerliche, in Selbstmitleid badende Musiker oder jammernde Bade-Enten brauchen?“

„Booking-Enten“, gab die Booking-Ente beleidigt zurück.

In diesem Moment hörte Jonas ein leises „Ping!“

V.

Es war Zeit, hier die Zelte abzubrechen, diese Ente war nur noch frustriert, und, bei allem Verständnis, ihre Frustration begann Jonas gehörig auf die Nerven zu gehen. „Booking-Ente, Peking-Ente, Zeitungs-Ente, WC-Ente, das ist mir jetzt wurscht und wird mir zu blöd. Mir geht‘s wie dir, aber mein Wesen ist widersprüchlich und komplex, ich muss zurück an die Arbeit.“

Das Bild einer beleidigt drein schauenden Ente zerplatzte vor Jonas‘ Augen, als er die E-Mail öffnete, die gerade gekommen war.

Er las: „Hallo Jonas, vielen Dank für dein Interesse und deine Mail. Ich kann mir euer Programm gut im Sommer vorstellen. Also irgendwann ab Mai.“

„Da schau mal einer an“, dachte Jonas, „steter Tropfen höhlt den Stein.“

Und er musste schmunzeln.

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Volker Giesek

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