Ferien

Ich tigere in der Wohnung herum, etwas rastlos, etwas ratlos… Plötzlich ist da diese Melodie, sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Sie hat mich gefunden oder war schon immer in mir und will genau in diesem Moment heraus. Hach, wie romantisch, ja, wir Komponisten sind schon krass. Einfach so beim Rumtigern: Eine neue Melodie, ein neuer Song, ein neuer Hit! Noch während die letzten Töne zwischen Neocortex und Frontallappen zerstäuben, bin ich mir völlig im Klaren darüber, wie es jetzt weitergehen muss, damit die GEMA mir auch nächstes Jahr wieder 6-stellig Tantiemen ausschüttet. Es braucht lediglich ein Zeichen von mir. Denn sie warten ja alle nur darauf, loszulegen und die Maschinerie für mein nächstes großes Ding in Bewegung zu setzen: Label, Management, Studio, Musiker, die Booking-Agentur, Konzertveranstalter, die Video-Produktion, die Sponsoren, die Online-Profis, die meine Social Media-Kanäle füttern. Genau deshalb ist es ja so geil, Musiker zu sein: Diese Inspiration, diese Kreativität, dieser Fokus, diese Mühelosigkeit.

Wenn es so wäre.

Ok, dass es toll ist, Musiker zu sein, stimmt, wenn auch in meiner Realität aus anderen Gründen. Nicht einmal das mit der Ohrwurm-Melodie war gelogen. Nur war der Ohrwurm leider nicht von mir, sondern gehört zu einer Zeichentrickserie meiner Kindheit mit dem schönen Titel Herr Rossi sucht das Glück. Kennt die außer mir noch jemand hier? Dachte ich es mir, lediglich ein paar Flugsaurier, Quastenflosser und das Wollnashorn melden sich. Aber wie dem auch sei, auch die ersten Zeilen des Songtextes sind mir über all die Jahre (ok, es sind Jahrzehnte) haften geblieben, sie heißen:

Denn Herr Rossi sucht das Glück

Sucht man es, so fehlt ein Stück

Ja, es fehlt ein Stück vom Glück.

Hm, wie kriege ich da jetzt den Dreh? Am besten, ich fange noch mal von vorne an, also:

Ferien

Ich tigere in der Wohnung herum, etwas rastlos, etwas ratlos… Was soll ich tun, was könnte ich Sinnvolles machen? Ich habe schließlich Zeit. Jetzt, endlich! Eigentlich. Mal sehen: Ich könnte doch sehr schön am neuen Instrumental-Song weiterarbeiten, der vor ein paar Tagen in Form einer vielversprechenden Akkordsequenz und Melodie vorbeischaute… Oder lieber ans Klavier und meinen Quartenakkord-Chops mit Russell Ferrantes „Cycle Six“-Approach durch die Dorische Tonleiter einen Vitaminstoß verabreichen? Wobei, ist es nicht längst überfällig, im harmonischen Kosmos von Barry Harris durchzusteigen, samt „Sixth Dimished Scale“, „Borrowed Notes“ und „Movements“? Sinnvoll natürlich auch, mit dem „Mastering Odd Meters“-Video von Drum-Koryphäe Ari Hoenig weiter zu arbeiten. Immerhin singt er dort „La Cucaracha“ im 5/4-Takt, während er den passenden Clave dazu klatscht und selbigen dann „on the fly“ um ein Achtel versetzt. Tja, für die einen ist es nur ein alter Kakerlakenschlager, für die anderen der Schlüssel zum Erfolg (wenigstens bei ungeraden Metren). Auch meine Transkription dessen, was Don Grolnick mit „Weaver Of Dreams“ (auf seinem großartigen Album gleichen Namens) anstellt, kommt seit Jahren nicht voran. Und müsste nicht ebenfalls endlich mal ein Haken hinter die Komplett-Aufnahme meines Singer/Songwriter-Œuvres für meinen YouTube-Kanal (den mit den 11 Abonnenten…)? Singen üben wär auch mal wieder dran, da gibt es Tages- und Großbaustellen, zweifellos. Oder doch lieber einen neuen Song schreiben, oder wenigstens den Text dazu, oder einfach mal meine Sprachmemos mit den Songideen und -skizzen sichten? Wollte ich nicht auch schauen, dass ich für meinen Unterricht an der BFS YouTube-Playlisten mit Videobeispielen, Fragen und Aufgaben zu verschiedenen Themen anlege? Und was ist mein nächster großer Projekt-Move für den Herbst? Song/Videoproduktion? Etwas Interdisziplinäres? Meine Songs mit Band aufnehmen? Ein neues Instrumental- oder Vocal-Jazz-Album mit Gastsängerinnen, wenigstens ein paar Tracks? So viele Ideen, so viele Möglichkeiten! „You‘ve got the songs, you’ve got the power“, musst halt anschieben, go, Volker, go!

Nein, halt, stopp!

Jeder weiß, dass es selbst für die euphorischste, neugierigste Künstlerseele kontraproduktiv ist, immer nur um Musik zu kreisen. Ich brauche dringend geistige Erfrischung, tonlosen Input. Es sind ja auch Ferien, da muss ich mal auf andere Gedanken und vor allem runter kommen (man sagt zwar, Letzteres tun sie alle, aber bei mir habe ich da so langsam meine Zweifel). Was ist zum Beispiel mit der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung? Die liegt da seit vorgestern maximal prominent, gleichwohl ungelesen auf dem Wäscheständer und starrt mich mit großen, dunklen Lettern mitleiderregend an. Fast scheint sie mir ein wenig enttäuscht und traurig: So viele tolle Inhalte und so wenig Beachtung. Die Ärmste, da möchte ich wirklich nicht mit ihr tauschen… Alternativ buhlt auch noch „4 3 2 1“, der auch schon nicht mehr ganz neue 1256-Seiten-Schinken von Paul Auster, von meinem Nachttisch aus um Aufmerksamkeit. Keine Ahnung, ob ich den zu Lebzeiten fertig gelesen bekomme, aber falls es eng wird, würde er aufgrund seiner schieren Opulenz sicher auch als Grabstein eine gute Figur machen. Mein Plan: Ich lasse mich scheintot begraben und erhebe mich nächtens, erfrischt und ausgeruht, um mich im flackernden Schein des Grablichtes, nur begleitet vom Schrei des Käuzchens und dem Flattern von Fledermausflügeln, Kapitel um Kapitel voran zu arbeiten. Langsam, stetig und unerbittlich, gleich einem Braunkohlebagger durch den Tagebau Garzweiler Nord. Endlich eine einzige, klar umrissene Aufgabe, der ich mich zu festen Zeiten widme. Ich mache das auch ausschließlich für mich, keiner muss davon erfahren. Dazwischen: Nichts. Nur himmlische Langeweile!

Warum tue ich mich im wahren Leben damit wider besseres Wissen so schwer – und wie ist das bei dir? Bin ich hier der einzige Kapitän, der auf seinem falschen Dampfer, ohne Not und sehr souverän, geradewegs ins Bermudadreieck schippert? Werde ich untergehen im Strudel der Ambitionen? (Eine Prise Drama muss an dieser Stelle sein, ich finde, du solltest im Zuge der Leserbindung ruhig etwas mitleiden, vielleicht sogar ein wenig um mich bangen ;))

Höchste Zeit, den Rettungsring zu werfen!

Hoffentlich schnappt sich den nicht der nächstbeste Delfin, weil er denkt, ich will nur spielen und lacht seine dreckige Delfin-Meckerlache, während der Mann-über-Bord hinter ihm verzweifelt mit den Armen wedelt. Warte mal – „Spielen“ trifft es sehr genau (das mit dem Mann, der versucht, sich über Wasser zu halten, irgendwie auch, zugegeben…). Ja, ich will nur spielen. Kreativität ist ein Spiel. Und Spielen macht glücklich. Oder süchtig. Bin ich am Ende nur noch glücklich, wenn ich kreativ bin? Na, das wäre ja was! Es muss nicht mal unbedingt Musik sein, es gibt ja viele schöne Beschäftigungen, bei denen es darauf hinausläuft, dass man Dinge in die Welt setzt, die da vorher nicht waren. Zu wenigen hat man das Talent… Beruflich war mein „Plan B“ Journalismus, also Schreiben. Dann hätte ich halt etwas darüber lernen müssen, anstatt zur Jazzschool und später zum Konservatorium zu gehen. Aber so ein Blog als Hobby hat ja auch was. Kreativ-Junkie!

Vor einigen Jahren, als wir mit Innersoul anlässlich einer Album-Produktion ein Video gedreht haben, hatte ich auch mal eine Foto-Phase und habe während der Wartezeiten die komplette Zeppelin-Halle in München, wo der Dreh stattfand, samt ihrer sensationellen Graffitis per Smartphone-Kamera dokumentiert. Auch ein Teil meiner Urlaubsfotos schießt für gewöhnlich übers Ziel hinaus und ich ertappe mich im Till Brönner-Modus: Obwohl ich doch eigentlich Musiker bin, ist beim Fotografieren der schnöde Schnappschuss verpönt und es muss zumindest künstlerisch, wenn nicht sogar abstrakt zur Sache gehen. Kreativ-Junkie!

Soll ich regelmäßig einen Newsletter verschicken? Kann ich etwas über Design, Layout und Typografie lernen, damit das alles besser aussieht? Bringt mir diese E-Mail-Marketing-Software etwas? Auf welche Art integriere ich ein Tablet sinnvoll in meinen Musiker- und Unterrichts-Alltag? Wie funktioniert ein Popsong, wie schreibt man gute Songtexte, Pressetexte, Prosa? Wie singt man mit freier Stimme? Kann ich mein Booking mit dieser App optimieren? Na, wenn du wissen willst, was hinter dem Hype um Selbstmarketing mit Facebook, Instagram und Co. steckt, musst du es wohl einfach mal eine Zeit lang ausprobieren… Ist dieses neue Notensatzprogramm wirklich besser als der Platzhirsch, den auch ich verwende? Hm, dieses Template in meiner Recording-Software hat ja abgefahrene Sounds, Trance/Techno ist ja eigentlich nicht so mein Ding, wobei, warte mal, wenn ich diesen Groove hier jetzt mit Jazzharmonien kombiniere und dann noch einen deutschen Text dazu erfinde, könnte etwas völlig Neues… hey, geil. Neugieriger, kleiner Kreativ-Junkie!

Tja, für Leute mit entsprechender Charakterstruktur ist es unwiderstehlich, Neues auszuprobieren, zu lernen, sich weiter zu entwickeln – YEEEAH! Sogar bis über das sinnvolle, gesunde Maß hinaus – böööh. Ja, aber bedeuten unsere Talente nicht auch Verantwortung? Sind wir nicht aufgerufen, zu erkennen, wer wir sind und was in uns steckt? Sollten wir zu Lebzeiten unser Potential denn nicht ausschöpfen?

Vielleicht tatsächlich nicht zu jedem Preis…

Finden und Erfinden, schon, ja, es kippt nur leicht in Richtung einer etwas krampfhaften Flucht vor dem Stillstand. Vor dem Tod? Das ständige Rumwuseln kostet viel Zeit und Energie. Was kommt davon zurück? Die Zeit schon mal nicht. Die Energie? Je nach der den Blickwinkel bestimmenden Tagesform. Denn ich muss gestehen, der Großteil der eigenen Projekte, die ich über die Jahre bei mir selbst in Auftrag gegeben habe, ist nicht mehr – aber eben auch nicht weniger! – als ein großer Spaß geblieben. Die meisten Menschen (und das Finanzamt!) würden sagen: „ein Hobby“, denn für sie steht die pekuniäre Ebene im Vordergrund. Die aber ist bei Künstlern ja traditionell nicht die einzige und (nach Absicherung der Grundbedürfnisse), auch nicht die wesentliche. Wie könnte ich etwa auf den verschrobenen Gedanken kommen, mit meinem Output auf diesem Blog, meinen Songs und Texten oder irgend etwas anderem, das ich ohne Auftrag erfunden habe, ausgerechnet in digitalen Zeiten Geld verdienen zu wollen, geschweige denn zu können? Ein Musical? Eine Klavierrevue? Diverse Alben? Da muss ein leichter Muskelkater in der Schulter zwischendurch, vom gehäuften Draufklopfen durch Fans, Familie und Kollegen, reichen; ich schätze ihn und sie sehr! Zudem ist bisher keines dieser Projekte nachhaltig gewesen, hat also irgend etwas wie „den nächsten Karriereschritt“ bedeutet. Dafür gab es immer wieder die erstaunlichsten Gründe.

Ganz ehrlich? Ohne mein Künstler-Gen, ohne Humor und wenn es bei all dem nicht um die geliebte Musik ginge, wäre ich auf dem besten Weg, ein frustrierter alter Sack zu werden. Doch glücklicherweise produzieren Herzensprojekte während der Arbeit ausreichend Flow und Freude, um das zu verhindern. Auch bleibt in jedem Fall ein Gewinn an Erkenntnis und Erfahrung. So werde ich älter und immer besser, anstatt frustrierter und säckischer. Ich wachse, und das ist definitiv ein Karriereschritt in die richtige Richtung!

Doch es schwindet die Kraft

…und dem Gang des Lebens folgend, fordert eine veränderte Familiensituation (Mama gestorben, Papa braucht uns), wenn schon nicht den ganzen, so doch mindestens den 3/4 Volker, statt wie vorher den viertel bis halben. Da frage ich mich, wie es wohl wäre, wenn die berufliche Energie nicht in tausenderlei kreativ-neugierige Verästelungen fließt, sondern in einer einzigen großen Ader gebündelt ist. (Na gut, kann ich noch verhandeln? Vielleicht zwei?) Das habe ich noch nie ausprobiert, das wäre mal ein für mich ganz neuer, somit subjektiv kreativer Ansatz… Kann ich das überhaupt?

Andere tun sich da leichter, ach, wie ich sie um ihren Fokus beneide! Hier mal ein paar Prototypen, die ich auf meinem Weg kennengelernt habe:

  • Ich bin Jazzmusiker*in, alles nach Thelonious Monk ist mir suspekt. Fuck Fourplay, Vulfpeck, Snarky Puppy und die Yellowjackets. Sobald auf der Bühne eine LED leuchtet, muss es Bullshit sein. Motto: Also, was das Schlagzeug betrifft: „It don‘t mean a thing, unless it‘s ding-ding-a-ding“.
  • Ich bin Jazzmusiker*in, alles vor Brad Mehldau, E.S.T. und Vijay Iyer ist mir suspekt. Motto: Monk war ein Stümper!
  • Ich bin Pop-/Rockmusiker*in, für eine Killer-Hookline würde ich meine Großmutter verkaufen. Motto: Über mehr als 2 Akkorde pro Song, wenn nicht sogar pro Leben, zu improvisieren, ist eine realitätsferne Zumutung.
  • Ich bin Singer/Songwriter*in, es leben der Dreiklang, Gitarren-Akkorde bis zur 3. Lage und mein Kapodaster. Es geht ja auch eigentlich nur um den Text, die Musik ist da gar nicht so entscheidend. Motto: Tod den Tensions!
  • Ich bin klassische*r Musiker*in, ohne Noten bin ich am Arsch. Ich würde zwar auch gerne einfach mal über A-Moll die Sau rauslassen, aber vor lauter Schiss, mich zu blamieren, bitte ich lieber einen Arrangeur, mein Solo für das Crossover-Projekt zu komponieren und für mich aufzuschreiben. Motto: Ja, ja, schon gut, Bach, Mozart, Beethoven: Alles brillante Improvisatoren, aber schon sehr lange tot, was hat es ihnen also genützt?
  • Ich bin Musiklehrer*in, meine Kreativität fließt zu 100% in meinen Unterricht. Selber spiele ich keine Konzerte, das wäre mir auch viel zu nervenaufreibend. Motto: Mein Klassenvorspiel ist mir Konzert genug.

Wieder andere sind Filmkomponist*in, Theatermusiker*in, Pop- oder Schlagerstar*in, Metallica-Bassist…, und machen nichts anderes, und wollen auch nichts anderes, weil sie nichts anderes brauchen und es ihnen ja gut geht.

Das will ich auch!

Und es fängt schon an, denn ich könnte 1000 Dinge anschieben – aber zum Glück fehlt mir jeglicher Impuls. Und, bei Gott, ich habe Hunger! Also her mit der Walnusstüte, die mit ihren Tütenkollegen vom Lidl (Paranüsse, Pistazien, Saure Pommes, Erdnuss-Mais-Mix) seit Tagen auf dem Wohnzimmersessel liegt. Eine Platzwahl, die im Falle einer plötzlichen, lebensbedrohenden Heißhungerattacke wie dieser, sofortigen Zugriff gewährt. Weshalb ich sie für logistisch brillant halte. Selbst meine Frau hat sich bisher nicht gegenteilig geäußert, also muss da was dran sein. Ich schaufele mir drei Hände voll Walnüsse in den Mund. So, geht erst mal wieder… Irgendwie erinnern mich Walnusshälften immer an Gehirne, die man fein säuberlich Miniaturschädeln entnommen hat. Ich benutze meines und sage mir:

1. Nur weil du etwas kannst oder tun könntest, musst du es noch lange nicht machen.

2. Perfektion ist ein Arschloch.

Unbekannter Komponist des frühen 21. Jahrhunderts

Ja, ich werde meinen Kosmos auf das Überlebensnotwendige zurechtstutzen! Als Projekt. Mal sehen, was alles dran glauben muss…

Vielleicht noch ein letzter, großer Blogartikel zum Abschied? Ich hab ja neuerdings sonst nichts zu tun. Und außerdem sind ja…

„Ferien

Ich tigere in der Wohnung herum, etwas rastlos, etwas ratlos… … …“

Zimt und Zucker

Volker Giesek

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